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Shandurai und der Klavierspieler (1998)

Shandurai und der Klavierspieler“ ist ein Spielfilm des italienischen Regis­seurs Bernardo Bertolucci. Das vom italienischen Fernsehen RAI produzierte Stück spielt in einem verfallenden Römer Palazzo. Bertolucci selbst be­zeich­nete es als ein „Stück Kammermusik für das Kino“.
Die junge Afrikanerin Shandurai (Thandie Newton) lebt in einem nicht näher ge­nannten, von einem Diktator beherrschten afrikanischen Staat. Hilflos muss die junge Frau mit ansehen, wie ihr Mann, ein Lehrer, wegen seiner poli­ti­schen Ansichten festgenommen und von Uniformierten verschleppt wird. Man findet Shandurai einige Zeit in Rom wieder, wo sie, um ihr Medizin­stu­dium zu finanzieren, im Haus des englischen Pianisten Jason Kinsky (David Thewlis) wohnt und als Putzfrau für ihn arbeitet. Jason, der den Palazzo, in dem er wohnt, von seiner verstorbenen Tante geerbt hat, und fast den ganzen Tag lang Klavier spielt, verliebt sich Hals über Kopf in die schöne Afrikanerin.
Shandurai kann mit Jasons klassischen Musik nicht viel an­fan­gen. Deren Klän­ge dringen vom obersten Stock, wo Jason am Flü­gel spielt, bis hinunter zu ihrem Erdgeschosszimmer. Sie bevorzugt aber rhyth­mische Musik. Beim Bü­geln hört sie lieber traditionelle afrikanische Musik aus einem alten Tran­sis­tor­radio. Es ist die Musik, die die kulturellen Unterschiede der beiden ver­sinn­bild­licht. Auch während sie in Jasons Wohnung Staub wischt, zeigt sie an der klas­sischen Musik kein Interesse. Nur einmal, als er ihr ein sehr rhythmisches Stück vorspielt, das er ausdrücklich für sie komponiert hat, wippt sie im Takt der Musik und sieht Jason mit einem fragenden Lächeln an.
Die Art, wie Jason Shandurai seine Liebe zeigt, ist sehr tollpatschig. Er um­wirbt sie mit sehnsuchtsvollen Blicken und Blumen und schenkt ihr eines Ta­ges sogar einen Ring seiner Tante. Als er ihr schließlich seine Liebe gesteht, erklärt sie ihm zu seiner großen Überraschung, dass sie verheiratet sei, und dass ihr Mann in ihrer Heimat in Haft sei. Herausfordernd erklärt sie Jason, sie könne ihn nur lieben, wenn er dafür sorgte, ihren Ehemann aus der Haft zu befreien.
L'assedio - Shandurai ()
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Jason antwortet ihr nicht, aber bald fällt Shandurai auf, dass die Kunst­ge­gen­stän­de, die Gemälde, die Möbel und die Wandteppiche der luxuriös ein­ge­rich­teten Wohnung peu a peu verschwinden. Schließlich sogar das Klavier. Aber je leerer die Wohnung wird, desto unbekümmerter und heiterer scheint Jason zu sein.
Shandurai wird neugierig - und unruhig. Sie beobachtet Jason, wie er einen afrikanischen Priester trifft, und findet in einem Papierkorb ein an ihn adres­siertes Kuvert, das offensichtlich aus ihrem Heimatstaat versendet wurde. Als sie selbst eines Tages einen Brief bekommt, in dem ihr Ehemann ihr mit­teilt, er würde in eine zivile Haftanstalt verlegt und ein ordent­liches Ge­richts­ver­fahren bekommen, bringt sie dies in Zusammenhang mit Jasons ge­heim­nis­vollen Akti­vi­täten . . .
An dieser Stelle möchte ich die Erzählung unterbrechen, um den Ausgang des Filmes nicht vorwegzunehmen. Für die Überneugierigen siehe (*) am Ende der Seite.

Shandurai und der Klavierspieler“ ist ein stilistisches Meisterwerk, einzigartig in der Filmographie von Bernardo Bertolucci. Auch in diesem Film, 30 Jahre nach „Der letzte Tango in Paris“, treffen sich zwei Einsamkeiten. Auch hier ist erotische Leidenschaft zum Thema gemacht worden, diesmal aber mit mehr Gefühl und Zurückhaltung, in einer märchenhaft versponnenen Erzählweise. Es ist ein zauberhafter, eindringlicher Film, in der die Musik die Aufgabe be­kommt, die Unterschiede zwi­schen den Protagonisten zu symbolisieren: ei­nerseits die afrikanische Musik Shandurais – im Film gibt es auch wunderbare Ein­blendungen eines Bänkel­sän­gers aus Afrika – andrerseits die klassischen Musikstücke von Mozart, Grieg und Beethoven, die Jason so liebt. Letztlich wird die Musik zum verbindenden Element.

Nach der großen Zustimmung, die der Film in Italien erhielt, ist es nicht ganz verständlich, weshalb er in Deutschland zu eher kritischen Urteilen kam. Nennt ihn die Frankfurter Rundschau noch „stark und spannend", meinte Der Spiegel nur: „Eindringlich beschreibt Bertolucci, wie sich erotische und musi­ka­lische Obsessionen gegenseitig verstärken, verliert aber die Glaub­wür­dig­keit der Geschichte oft aus dem Blick.“ Für die Stuttgarter Zeitung ist er „manchmal elegant, meist aber geschmäcklerisch inszeniert und versinkt im Pathos„. In den Augen des Hamburger Abendblattes: „Bei der Afrofolklore aus westlicher Perspektive und den vorgeführten Rollenklischees sei es schade um die Darsteller„.
Der Regisseur selbst erteilt jeglicher Interpretation neben der Liebes­ge­schich­te an sich eine Abfuhr. Der Film verfolge keine politischen Intentionen und mache sich auch nicht die Einwanderungsthematik zum Ziel. Der schwarze Kontinent sei nur Ausgangspunkt der Geschichte. Die politische Lage in Afrika nur ein Vorwand, um Shandurai nach Rom zu schicken.

Das kann man ihm glauben, denn die Liebesgeschichte, die er in diesesm Fim inszeniert hat, ist eine der schönsten in der Geschichte des Kinos. Sie lässt sich Zeit beim Erzählen. Sie setzt ihre Akzente mehr auf die Kraft der Bilder und der Musik als auf die Sprache.


(*) Eines Tages bekommt Shandurai einen Brief von ihrem Ehemann, der frei gelassen wurde und seine Ankunft in Rom ankündigt. Sie erzählt es Jason, wohl wissend, dass er es war, der mit viel Geld für einen fairen Prozess ge­sorgt hat. In der Nacht vor der Ankunft ihres Mannes schleicht Shandu­rai sich in Jasons Wohnung, der betrunken im Bett liegt. Sie bringt ihm einen Zettel, auf den sie geschrieben hat, dass sie ihn liebe. Wortlos legt sie sich zu ihm. Am Morgen darauf werden beide von der Haustürklingel geweckt. Es ist Shan­durais Ehemann. Doch sie stehen nicht auf, öffnen ihm nicht die Tür. An dieser Stelle lässt es Bertolucci offen, ob die beiden warten, bis er wieder geht, oder ihm schließlich doch die Tür öffnen.
 

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Bernardo Bertolucci
Bernardo Bertolucci (geb. 1940) ist ein italienischer Filmregisseur, des­sen internationaler Ruhm aus seinem „Skandalfilm" „Der letzte Tango in Paris“ hervorging. Sein Erzählstil ist manchmal zu opernhaft und melo­dra­matisch. In manchen Filmen zeigt er auch eine Neigung zum monu­men­ta­len Film im Hollywoodstil. Zu seinen weiteren, sehr beachteten Filmen gehören „Der gro­ße Irrtum“, „Der Konformist, 1900“, sowie „Der letzte Kaiser„.

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Bertolucci
Himmel über der Wüste
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1900
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Gefühl und Verführung
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Der letzte Kaiser
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