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Die Einnahme Roms (la presa di Roma)
Nach dem Wiener Kongress (1814-15) wurde die Landkarte Italiens neu ge­zeichnet. Die spanischen Bourbonen be­ka­men die Vor­herrschaft über Neapel-Sizilien, die österreichischen Habsburger jene über die meisten mittel- und oberitalienischen Fürstentümer, darunter das als Königreich proklamierte Lom­bardo-Veneto, das Großherzogtum Toskana, sowie die Her­zogtümer Par­ma und Modena. In der Folge des Kongresses setzte vor allem in Nord­italien die vom österreichischen Staatskanzler Fürst von Metternich dominierte Res­tauration ein, die wichtige Reformen der napoleonischen Ära wieder rück­gäng­ig machte. Die Wiedereinsetzung der Habsburger war in Italien auf na­tionalen Widerstand gestoßen. Auch die Herrschaft der Bourbonen im Süden wurde abgelehnt, ebenso die Herrschaft des Papstes über den "Kirchenstaat", der zwar 1809 durch Napoleon aufgelöst, 1815 vom Wiener Kongreß aber wie­derhergestellt worden war. Der "Risorgimento", die bürgerlich-liberale und nationalstaatliche italienische Ei­ni­gungsbewegung, hatte bereits seit den 1830er Jahren die Forderung nach der weltlichen Herrschaft über Rom ver­treten. Rom wurde von den italienischen Nationalisten als die natürliche Hauptstadt Italiens betrachtet.
Ein Teil des damals souveränen Kirchenstaates, die Romagna, die Marken und Umbrien war nach verschiedenen re­vo­lutionären Erhebungen und krie­ge­ri­schen Konflikten bereits 1860 an das Königreich Sardinien-Piemont gefallen, das seit den europäischen Revolutionen von 1848/49 unter König Carlo Alberto und dessen Nachfolger Vittorio Ema­nuele II. zum Vorreiterstaat der ita­lie­nischen Einheitsbewegung geworden war. Alleine der König von Sardinien-Piemont (das einzige italienische Fürs­tenhaus) wurde als italienische Dy­nas­tie akzeptiert. Nach den Erfolgen der piemontesischen Truppen und repu­bli­kanischen Freischärlereinheiten (z.B. unter Giuseppe Garibaldi) wurde 1861 der neue italienische Nationalstaat als konstitutionelle Monarchie unter Vittorio Emanuele II. und seinem ersten Minis­terpräsidenten Camillo Benso di Cavour ausgerufen. Seine Hauptstadt wurde zunächst von Turin nach Florenz verlegt. Diese Tatsacghe ist wenig bekannt: Florenz war von 1865 bis 1870 ita­lie­ni­sche Hauptstadt. Im Oktober 1867 versuchte Garibaldi mit einigen Frei­scha­ren, Rom ein­zu­neh­men. Seine Einheiten wurden jedoch am 3. November 1867 von päpstlichen und französischen Truppen, die die Schutzmacht des Kirchenstaates bildeten, besiegt.

Aber der Restkirchenstaat (Latium mit seiner Hauptstadt Rom) unter dem Pon­tifikat des von 1846 bis 1878 amtierenden Papstes Pius IX. blieb weiterhin ein Konfliktherd. Der Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Preußen am 19. Juli 1870 kam Italien in der Frage des Kirchenstaates gelegen. Als Frankreich wegen dieses Krieges seine Schutztruppen aus Rom abzog, mach­ten sich italienische Truppen auf, den Kirchenstaat zu erobern. Im September 1870 befehligte General Raffaele Cadorna das IV. Armee­korps und nahm am 16. September 1870 Civitavecchia und nach kurzer Be­schießung (Porta-Pia-Bresche und anschließender Durchbruch der Bersaglieri) am 20. Sep­tem­ber auch Rom ein, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen.

Im Gefolge dieses Ereignisses gliederte Vittorio Emanuele II den letzten Rest des Kirchenstaates dem italienischen Königreich an. Eine Volksabstimmung ergab eine breite Zu­stim­mung für diese Vereinigung, die am 6. Oktober 1870 durch königliches Dekret proklamiert wurde. Damit war die Einigung Italiens und mit ihr das Ziel des Risor­gi­mento vollendet. 1871 wurde die italienische Hauptstadt von Florenz nach Rom verlegt. Auch die meisten ausländischen Staaten verlegten ihre Gesandtschaften nach Rom, womit sie stillschweigend das Ende der weltlichen Herrschaft des Papsttums anerkannten.
Pius IX. dekarierte sich als"politischer Gefangener", zog sich in den Va­ti­kan­palast zurück und lehnte alle Ausgleichsangebote des Staates ab. Damit endete, nach 1143 Jahren, die weltliche Macht der Kirche. Sein Nachfolger, Leo XIII. (Papst von 1878-1903), wurde der erste Papst, der keine direkte politische Macht mehr hatte.

In den sogenannten Garantiegesetzen vom Mai 1871 wurde die Stellung des Papstes in der italienischen Hauptstadt geregelt, wenn auch zunächst nur einseitig von der italienischen Regierung. Demnach verblieb der Vatikan, das Lateran und die päpstliche Sommerresidenz in Castel Gandolfo unter der Hoheit des Papstes, der in diesen Bereichen bis in die Gegenwart als staat­licher Souverän gilt. Pius IX. und seine unmittelbaren Nachfolger Leo XIII. und Pius X. erkannten jedoch sowohl die gesetzlichen Regelungen für den Vatikan als auch das neue Italien nicht an und lehnten jede offizielle diplo­matische Zusammenarbeit mit den neuen Machthabern ab, so dass der Streit um den Status der katholischen Kirche und die zunächst nicht formell ge­re­gelte eigenstaatliche Unabhängigkeit des Vatikans auch nach der Vollendung der italienischen Einheit ein noch lange schwelender Konflikt im neuen Italien blieb, die sogenannte Römische Frage [ ]. Pius IX. belegte die Urheber und Teilnehmer an der Einnahme des Kirchenstaates mit dem Bann. In der päpst­lichen Bulle "non expedit" vom 10. September 1874 verbot er italienischen Katholiken unter Androhung des Entzugs kirchlicher Priviligien sowohl die aktive als auch passive Teilnahme an demokratischen Wahlen in Italien.

 
Pius IX.
Mit 31 Jahren und 8 Monaten hatte Pius IX. das längste Pontifikat in der Geschichte der Römisch-Katholischen Kirche inne.
Der XX. September
Ich muss es zu meiner Schande zu­ge­ben. Ich wusste bis vor kurzem nicht (oder nicht mehr), weshalb in Italien so viele Straßen Via XX. Settembre heißen. In Genua, der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, ist die Via XX. Settembre sogar das "Flanierboulevard" schlechthin.
Der 20. September 1870 war der Tag, an dem Rom von Truppen des neugegündeten italienischen Staats eingenommen wur­de und der Kir­chen­staat aufhör­te, zu existieren.

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