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Der Italienisch-Türkische Krieg

Der Italienisch-Türkische Krieg (in Italien meistens "Libyscher Krieg" oder "Libyen-Feldzug" genannt) war ein militärischer Konflikt zwischen dem Königreich Italien und dem Osmanischen Reich, der um den Be­sitz der nordafrikanischen Regionen Tripolitanien und Cyrenaika ausgefochten wurde. Der Krieg dauerte vom 29. September 1911 bis zum 18. Oktober 1912 (Frieden von Ouchy). Nach dem Krieg trat das Osmanische Reich Tripolitanien und die Cyrenaika an Italien ab. Zusammen mit dem von Italien 1930 ero­ber­ten Fessan würden diese Regionen die italienische Kolonie Libyen bilden.
In diesem Krieg besetzte das Königreich Italien auch die Inseln des Dodeka­nes. Diese blieben bis 1923 unter provisorischer italienischer Verwal­tung, bis sie von der Türkei offiziell an Italien abgetreten wurden.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts war das Königreich Italien ein Land mit gro­ßen wirtschaftlichen und sozialen Problemen, die dazu geführt hatten, dass allein zwischen 1901 und 1911 mehr als eineinhalb Millionen Italiener nach Nord- und Südamerika ausgewandert wa­ren. In nationalistischen Kreisen setzte sich deshalb die Vorstellung durch, dass eine koloniale Expansion die sozialen Probleme des Landes hätte mildern kön­nen. Die zum Osmanischen Reich gehö­ren­den Pro­vin­zen Tripolitanien und Cyre­naika schienen (fälsch­li­cher­wei­se) dazu wie geschaffen.
Das Osmanische Reich hatte längst sei­nen Zenith überschritten und wurde als sehr schwach eingeschätzt. So schien es der italienischen Re­gie­rung unter Pre­mier­mi­nis­ter Gio­van­ni Giolitti unwahr­schein­lich, dass das Reich in der Lage sein würde, einen erwäh­nens­wer­ten Widerstand zu leisten. So stellte Giolitti – trotz einer sehr großen inner­ita­lie­ni­schen Opposition – am 26. Sep­tem­ber 1911 der Hohen Pforte ein 24-stündiges Ultimatum, welches die sofortige Ab­tretung Tripo­li­ta­niens und der Cyrenaika verlangte. Sultan Mehmed V. war seiner Schwä­cheposition bewusst und zunächst ent­ge­gen­kom­mend, indem er der Be­set­zung zu­stimmte, aber das Auf­recht­er­halten der formellen Ober­ho­heit der Hohen Pforte ver­langte. Die Antwort des Sultans ging etwa zwei Stun­den nach dem Ablauf des Ulti­ma­tums bei der italienischen Re­gie­rung ein, als die Kriegs­operationen bereits be­gon­nen hatten. Am 29. September er­klär­te die ita­lie­nische Regierung offiziell den Krieg.
Im Libyen-Feldzug spielten zum ersten Mal die Militär­tech­nik und deren Er­run­genschaften eine große Rolle. Unter anderem wurden zum ersten Mal in der Kriegs­ge­schichte Flugzeuge ein­gesetzt, die der Aufklärung dienten aber auch die ersten Luftangriffe flogen. Ebenso bedeutend war der Einsatz der Funk­te­le­gra­fie. Nicht zuletzt wurden zum ersten Mal Kraftfahr­zeu­ge zu Kriegs­zwe­cken ein­ge­setzt: Ein Teil der italienischen Truppen verfügte über SIAMT-Mo­tor­rä­der und Fiat-Typ-2-Automobile.
Landkarte erstellt von Memnon335bc (Lizenz)
Um die osmanische Regierung daran zu hindern, Verstärkungen über das Mit­telmeer nach Nordafrika zu bringen, versenkte die italienische Marine als ers­te Kriegshandlung am 29. und 30. September vor der albanischen Küste drei osmanische Torpedo­boote, womit die italienischen Schiffe fast unge­hin­derten Zugang zum östlichen Mittelmeer erlangten.
Der Krieg in Nordafrika begann mit dem Beschuss von Tripolis am 3. Okto­ber. Danach wandten sich die Italiener mit einem Expeditionsheer von 20.000 Mann gegen Tripolitanien. Am 4. Oktober lan­deten italienische Truppen unter General Carlo Caneva und nahmen die Stadt ein. Am selben Tag fiel auch die Stadt Tobruk. Bis zum 14. Oktober wurden dann alle anderen wichtigen Küs­ten­or­te Tripolitaniens und der Cyrenaika ein­ge­nom­men.
Anders als erwartet sah die lokale Be­völ­kerung in den Italienern keine Be­freier sondern feindliche Invasoren. Denn unter der osmanischen Herr­schaft war das Land relativ selbständig geblieben. Der erste Rückschlag für die italienischen Truppen kam am 23. Oktober, als die Truppen in der Nähe der Oase Sciara Sciat fast völlig von der arabischen Kavallerie und den re­gu­lä­ren tür­kischen Truppen eingekreist wur­den. Der An­griff vernichtete zwei Bersaglieri-Kompanien des italienischen Expe­di­tions­korps. Nach der Schlacht übten die italienischen Truppen gegen die arabische Bevölkerung Vergeltung aus und er­schos­sen inner­halb von fünf Tagen Tau­sen­de Araber, verbrannten deren Häuser und beschlagnahmten ihr Vieh. Über 4.000 Araber wurden deportiert.
Daraufhin wurde der italienische Expe­ditionskorps auf 100.000 Soldaten ver­stärkt, die 20.000 Arabern und 8.000 Türken gegenüberstanden.
Bilder aus dem Libyen-Krieg
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Trotz der Erhöhung der Truppenstärke kamen die italienischen Vorstöße in den folgenden Monaten nicht über die Küstengebiete hinaus. Der Krieg ent­wickelte sich zu einem Stellungs­krieg.
Weil das Königreich Italien in den nordafrikanischen Provinzen, die es am 5. November 1911 formell annektiert hatte, nicht voran kam, wurde mit Hilfe der Flotte versucht, das Osmanische Reich zum Friedensschluss zu zwin­gen. Das Osmanische Reich war hier in einer Position der Schwäche, da seine Kriegs­ma­ri­ne es mit der Königlichen Marine Ita­liens unter dem Kommando des Konter­ad­mirals Thaon di Revel nicht auf­neh­men konnte und deshalb den Nach­schub für die tür­kischen Trup­pen in Libyen nur schwer gewährleisten konnte. Die italienischen Verbände vernichteten im Januar 1912 im Roten Meer sieben veraltete gegne­ri­sche Kanonenboote und versenkten am 24. Februar vor Beirut einige Barkassen, ein Küstenpanzerschiff und ein Torpe­do­boot. Doch auch danach weigerte sich die osmanische Regierung, die italienischen Forderungen zu ak­zep­tie­ren. So beschloss die italienische Marineführung, auch die osmanischen Besitztümer im Ägäischen Meer anzugreifen. Im April 1912 wurden türkische Forts an der Südeinfahrt in die Dardanellen beschossen und kurz darauf be­set­zten die Italiener Rhodos und den Dodekanes.
Wegen der hohen Zahl von Opfern bezeichnete Lenin den Krieg als "ein ver­vollkommtes, zivilisiertes Massaker, ein Abschlachten der Araber mit neu­zeit­lichsten Waffen“ und nannte eine Zahl von 14.800 getöteten Arabern. In Ita­lien hatten sich auch zahlreiche Stimme gegen den Krieg erhoben. Die Ge­werkschaften hatten vergeblich versucht, einen Generalstreik durch­zu­set­zen. Der Journalist und Aktivist Alceste De Ambris definierte die Invasion "einen Brigantentum-Krieg".
Im Frühjahr 1912 gelang es Serbien, Bulgarien, Montenegro und Grie­chen­land, unter russischer Patronage ein Militärbündnis zu schließen, den Balkan­bund, dessen Ziel es war, das Osmanische Reich vom Balkan zu verdrängen. Im Oktober des sel­ben Jahres griffen sie im sogenannten Ersten Balkankrieg das Osmanische Reich an. Dieser Krieg war für die os­ma­nische Regierung wesentliche bedrohlicher als der italienische Kolo­nia­lismus in einem ent­fern­ten Teil des Reiches. So gab die Hohe Pforte vor den Italienern auf und wil­ligte im Herbst in Friedensverhandlungen ein. Mit dem am 18. Oktober 1912 ab­ge­schlossenen Frieden von Ouchy wurde das Osmanische Reich ge­zwun­gen, Tripolitanien und die Cyrenaika an Italien abzutreten. Der Dodekanes wurde weiterhin von Italien verwaltet.
Nach dem Abschluss des Friedensvertrages versuchte die italienische Armee ihre neuen Kolonien Ita­lienisch-Libyen und Italienisch-Dode­ka­nes zu befrieden. Aber die arabische Bevölkerung fand sich mit der ita­lie­nischen Besatzung nicht ab. Vom Osmanischen Reich unterstützte Guerilla-Operationen machten den Italienern in Nordafrika das Leben schwer. Mehr als ein Drittel des heutigen libyschen Staatsgebiets konnten die Italiener bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieg nie unter ihre Kontrolle bringen. Als der Krieg Italien dazu zwang seine Präsenz in Nordafrika zu reduzieren, gerieten die italienischen Streitkräfte stark in die Defensive. Im Sommer 1915 waren nur noch Tripolis und Homs in italienischer Hand. In den 1920er Jahren setz­ten die Italiener, nun unter der Herrschaft der Faschisten, die Eroberung Libyens mit brutalen Methoden fort.
Libyen sollte erst im Jahr 1943 von den bri­tischen Truppen von Italiens Herr­schaft befreit werden.
 

Griechenland-Urlaub

Vor mehreren Jahren verbrachte ich einen Urlaub auf der kleinen grie­chischen Insel Symi. Wie verwundert war ich, als unsere Gastgeberin ei­ni­germaßen gut italienisch sprechen konnte und mir eröffnete, dass die Insel, sowie der gesamte Dodekanes bis 1943 unter italienischer Ver­wal­tung gestanden war. Nach dem Ita­lienisch-Türkischen Krieg hatten die Inseln zunächst den autonomen grie­chischen Staat der Ägäis gebildet und wurden im Rahmen des Vertrages von Lausanne 1923 von der Türkei an Italien abgetreten. Sie hießen bis 1943 "Italienische Ägäis-Inseln“.

Ismail Enver
Kommandant der türkischen Truppen


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