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Natalia Ginzburg

Dante, Petrarca, Boccaccio, Manzoni, Carducci, Pascoli, D'Annunzio, Piran­del­lo. Die italienische Literatur scheint eine über viele Epochen hinweg reine Männerdomäne zu sein. Den Namen großer Schriftstellerinnen in den ver­gan­ge­nen Jahrhunderten auf­zu­spü­ren, ist ein schwieriges Unterfangen. Erst im 20. Jahrhundert kommt es zu einer Explosion weiblicher literarischer Talente. Eine Frau steht wie keine zweite für diese Entwicklung: Natalia Ginzburg.
Natalía Ginzburg gebürtige Natalia Levi (geb. in Palermo, 14. Juli 1916 – gest. in Rom am 7. Oktober 1991) war in der italienischen Literatur des 20. Jahr­hun­derts eine Schriftstellerin ersten Ran­ges.
Ihr Vater war Giuseppe Levi, ein bekannter jüdischer Wissenschaftler aus Triest, und ihre Mutter Lidia Tanzi, eine Mailänderin nicht jüdischen Ur­sprungs. Ihr Vater und ihre drei Brüder wurden wegen ihres antifaschistischen Wider­stands angeklagt und ins Gefängnis gebracht.
Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie als Ausgestoßene in Turin, während sie schon bald im Schreiben von Erzählungen Trost fand. Bereits als Zehn­jährige hatte sie beschlossen, Schriftstellerin zu werden. Jeden Morgen schrieb sie ein Gedicht in ihr Heft. 1933, als sie gerade erst 17 war, erschien ihre erste Erzählung "I bambini" in der Zeitschrift "Solaria". 1938 heiratete sie Leone Ginzburg, einen Dozenten für russische Literatur, unter dessen Namen sie von da an alle ihre Werke unterschrieb. Aus ihrer Ehe entstanden die Tochter Alessandra und zwei Söhne: Carlo, der ein bekannter Historiker und Essayse werden sollte, und Andrea. In denselben Jahren trat sie mit den wichtigsten Vertretern des Turiner Widerstands in Kontakt, vor allem mit den Intellektuellen des Einaudi-Verlags (Cesare Pavese u.a.), bei dem ihr Mann seit 1933 als Mitarbeiter tätig war.
1940 folgte sie ihrem Mann in die Verbannung in ein Dorf in den Abruzzen, wo sie aus Gründen der politischen und rassischen Verfolgung bis 1943 bleiben mussten. Unter dem Pseudonym Alessandra Tornimparte schrieb und ver­öff­entlichte sie 1942 ihren ersten Roman "Die Straße in die Stadt", der 1945 unter ihrem Autorennamen neu herauskam.
Nach der Ermordung ihres Mannes im römischen Gefängnis Regina Coeli kehr­te sie im Februar 1944 nach Turin zurück und begann nach dem Kriegs­ende ihre Mitarbeit beim Einaudi-Verlag. 1947 erschien ihr zweiter Roman "È stato così", der den Literaturpreis "Tempo" gewann.
1950 heiratete sie Gabriele Baldini, einen Dozenten für englische Literatur und Leiter des Italienischen Kulturinstituts in London. Mit dem Roman "Tutti i nostri ieri" begann 1952 die produktivste Phase ihres literarischen Schaffens, das sich vorwiegend mit der menschlichen Erinnerung und der psychologischen Beobachtung befasste.
1957 veröffentlichte sie "Valentino", eine Sammlung langer Erzählungen, die den Viareggio-Buchpreis gewann, sowie den Roman "Sagittario". 1961 er­schien "Die Stimmen des Abends"; und 1964 kamen alle bis dahin ent­stan­de­nen Romane im Sammelband Cinque romanzi brevi (Fünf kurze Romane) heraus. Eine Essaysammlung, "Die kleinen Tugenden", wurde 1962 ver­öff­ent­licht; und mit "Familienlexikon" gewann sie 1963 unter breiter Zustimmung der Kritik und des Publikums den Premio Strega. Nach dem Tod ihres Mannes 1969 widmete sich Ginzburg verstärkt dem Schreiben: In den Siebziger Jahren erschienen die Erzählbände "Nie sollst du mich befragen" (1970) und "Das imaginäre Leben" (1974).
Die Schriftstellerin, die sich auch als feinsinnige Übersetzerin von Prousts "A la recherche du temps perdu" und "Du côté de chez Swann" erwiesen hatte, vertiefte in den Folgejahren das Motiv des familiären Mikrokosmos. Es ent­stan­den unter anderen die Romane "Caro Michele" (1973) und "Die Familie Manzoni" (1983).
1983 und 1987 wurde Natalia Ginzburg als unabhängige Kandidatin auf der Liste des PCI (Partito Comunisa Italiano) ins italienische Parlament gewählt. Sie starb im Alter von 75 Jahren im Oktober 1991 in Rom.
Zitat von Natalia Ginzburg (1964): "Mein Beruf ist das Schreiben, und ich verstehe mich gut und seit langer Zeit darauf. ... Wenn ich Geschichten schreibe, bin ich wie einer, der in seiner Heimat ist, auf den Straßen, die er von klein auf kennt, zwischen den Mauern und den Bäumen, die ihm gehören. Mein Beruf ist es, Geschichten zu schreiben, erfundene Dinge oder Dinge aus meinem Leben, an die ich mich erinnere, aber jedenfalls Geschichten. Dinge, bei denen nicht die Bildung, sondern nur Gedächtnis und Phantasie eine Rolle spielen. Das ist mein Beruf, und ich werde ihn bis zu meinem Tod ausüben."
 
"Die Dinge, die mein Vater schätzte und achtete, waren: der Sozialismus, England, die Romane von Zola, die Rockefellerstiftung und die Berg­führer des Aostatals. Die Dinge, die meine Mutter liebte, waren: der So­zialismus, die Gedichte von Paul Verlaine, die Musik…"
So schrieb Natalia Ginzburg in ihrem auto­bio­gra­phischen Fa­mi­lien­le­xi­kon, das inzwischen zur Pflichtlektüre für jede italienische Schulklasse avan­ciert ist.

Ginzburg
Die Stimme des Abends
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Caro Michele
Caro Michele
Der Roman einer Familie
von Natalia Ginzburg
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