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Giacomo Leopardi
   
In der Übersetzung verlieren die meisten Gedichte viel von ihrer Schönheit. Jedenfalls empfinde ich Das Unendliche von Giacomo Leopardi (in der Ori­ginalsprache) als eines der schönsten Gedichte, die ich jemals gelesen habe.
Das Unendliche  
Lieb war mir stets hier der verlass'ne Hügel
und diese Hecke, die vom fernsten Umkreis
so viel vor meinem Blick verborgen hält.
Doch hinter ihr - wenn ich so sitze, schaue,
endlose Weiten, formt sich dort mein Denken,
ein Schweigen, wie es Menschen nicht vermögen,
und tiefste Ruhe; da verlernt die Seele
das Fürchten bald. Und wenn des Windes Rauschen
durch diese Bäume geht, halt ich die Stimme
dem Schweigen, dem unendlichen, entgegen,
ihm zum Vergleich: des Ewigen gedenk ich,
der toten Jahreszeiten und der einen,
die heute lebt und tönt. Und so versinken
im Unermeßlichen mir die Gedanken,
und Schiffbruch ist mir süß in diesem Meere.
Die einsame Amsel  
Droben, hoch auf der Spitze des alten Turmes.
einsame Amsel, singst du ins weite Land
dein Lied hinaus, bis schließlich der Tag vergeht.
Und harmonischer Wohlklang erfüllt dieses Tal.
Frühling glänzt überall
in den Lüften und jubiliert auf den Feldern,
und Rührung ergreift das Herz, wenn man schauend steht.
Du hörst die Schafe blöken, die Rinder muhen.
Die anderen Vögel ziehen vergnügt um die Wette
am blauen, heiteren Himmel tausend Kreise
und feiern ihres Lebens schönste Zeit.
Du bleibst sinnen beiseit und betrachtest das alles.
Du nimmst nicht teil, und du fliegst nicht.
Scherz und Fröhlichkeit abgeneigt, sitzt du und singst du,
und so, in Gedanken, verbringst du
des Jahrs und des eigenen Lebens Blütezeit.
Weh mir, wie ähnlich im Grunde
ist deine Art zu leben der meinen. Frohsinn
und Lachen, stets mit der Jugend im süßen Bunde,
und Liebe, auch dich, der Jugend leibliche Schwester
und der späten Tage nittere Sehnsucht,
acht ich nicht, ich weiß nicht, warum. Statt dessen,
zieht es mich fluchtartig fort.
Ein Einsiedler gleichsam und Fremder
am eigenen Heimatort
schaue ich zu, wie der Lenz meines Lebens verstreicht.
Den heutigen Tag, der nun dem Abend weicht,
pflegt man fröhlich zu feiern in unserem Städtchen.
Du hörst in der klaren Luft die Glocke schallen,
hörst wieder uns wieder das DOnnern aus ehernen ROhren
von Dorf zu Dorf in der Ferne widerhallen.
Die Burschen und Mädchen verlassen
die Häuser im Festtagkleid
und schlendern durch den Ort und füllen die Gassen.
Man sieht und wird gesehen und freut sich von Herzen.
Ich stehle mich einsam beiseit
und suche diese entlegenen Felder, verschiebe
auf eine spätere Zeit
Freude und Scherz, und indessen trifft meinen BLick
in lichtdurchfluteter Luft
die Sonne, die in der Ferne zwischen den Bergen
langsam versinkt und erblindet
am Ende des heiteren Tags, und es scheint mir, sie ruft,
sie flüstert mir zu, daß die glückliche Jugendzeit schwindet.
Einsamer kleiner Vogel, du wirs am Abend
deine Lebens, den dir die Sterne bestimmen,
die Art, wie du lebtest, sicher
nicht bedauern. Denn eure Neigung ist nur
eine Frucht der Natur.
Ich aber, wenn ich nicht
die dunkle, verabscheute Schwelle
des Alters zu meiden vermag,
wenn diese Augen nicht mher zum Herzen des andren
sprechen, die Welt sich leert und der morgige TAg
trostloser noch als der heutige zu werden verspricht,
was wohl werde ich denken
von mir selbst, und wie ich gelebt und gehofft?
Bereuen werde ich und oft
ungetröstet die Blicke rückwärts lenken.
Die Ruhe nach dem Gewitter  
Das Wetter ist vergangen.
Die muntern Vögel fangen an zu singen,
Die Henne wagt mit Gackern
Sich auf die Straße wieder. Sieh, wie plötzlich
Im West am Berg der Himmel sich erhellt.
Nun lichtet sich das Feld,
Und aus dem Thale glänzt der Fluß herauf.
Ein jedes Herz wird froh; allüberall
Beginnt die Arbeit wieder
Und regt sich rüst'ger Schall.
Der Handwerksmann, sein Werkzeug in der Hand,
Tritt singend, nach dem feuchten Blau zu spähen,
Vor seines Hauses Schwelle;
Das Weiblein kommt heraus, in ihr Gefäß
Die Regenflut zu fassen.
Lautrufend durch die Gassen
Zieht mit Gemüsen wieder
Der Händler auf und nieder.
O sieh, da kommt die Sonne; wie verklärt
Sie Höh'n und Villen. Die Bewohner öffnen
Terrassen und Balcone. Horch, wie dort
Vom Fahrweg Schellenläuten aus der Ferne
Herübertönt. Des Reisenden Gefährt
Knarrt durch den Sand und setzt die Reise fort.
Aufathmet jede Brust.
Wann ist das Leben so
Wie jetzt uns süß und froh?
Wann mag mit solcher Lust
Man auf sein Tagwerk sinnen,
Das alte fördern, neues Thun beginnen?
Wann sind wir minder unsrer Noth gedenk?
O Lust, du Kind des Schmerzes!
O eitle Freude, Frucht nur
Vergangner Angst, die unser Herz durchbebt,
Daß vor dem Tod wir bangen,
Wie bitter auch das Leben,
Daß stumm die armen Thoren,
Mit todesbleichen Wangen
Voll Angstschweiß, in des Himmels
Gewitterstürme blicken,
Die wider sie verschworen!
O gütige Natur,
Das sind die hohen Freuden,
Die Gaben, die du liebreich
Den Menschen gönnst! Ihm soll es Wonne sein,
Wenn von ihm weicht das Leiden.
Freigebig theilst du Qualen aus. Der Schmerz
Entspringt von selber, und die karge Lust,
Die als ein mächtig Wunder hin und wieder
Dem Weh entblüht, ist schon ein Glück gewesen.
So lieb sind wir den Ew'gen! Glücks genug
Ein freier Athemzug
Nach langem Schmerz, und selig,
Wenn wir im Tod von allem Schmerz genesen.
Der Sonnabend auf dem Dorfe  
Die junge Dirne kehrt, sobald die Sonne
Sich neigt, vom Feld nach Haus,
Ihr Bündel Gras zu Häupten, in der Hand
Von Rosen und Violen einen Strauß,
Und freut sich schon, daraus
Morgen am Sonntag wieder
Den Schmuck für Haar und Mieder zu gewinnen.
Mit ihren Nachbarinnen
Sitzt vor der Thür das Mütterchen und spinnt
Und schaut gen Abend, wo der Tag verglüht,
Und plaudert von den eignen jungen Tagen,
Wo sie am Feiertag sich auch geputzt hat
Und schlank noch und geschwind
Am Abend dann zu tanzen pflag mit Denen,
Die ihrer schönsten Zeit Gefährten waren.
Schon aus der Höhe sinkt
Tiefblaue Dämmrung, und die Schatten fallen
Von Dächern und von Hügeln,
Da silbern jetzt der neue Mond erblinkt.
Und nun beginnt die Glocke
Den Festtag einzuläuten,
Und bei dem Klange zieht es
Wie Trost in alle Seelen.
Die Knaben, die in Haufen
Dort auf dem Platze jauchzen
Und hier- und dorthin laufen,
Wie lachen sie und lärmen!
Indessen kehrt zu seinem dürft'gen Tisch
Der Pflüger pfeifend heim
Und denkt bei sich an seinen Ruhetag.
Dann, wenn erloschen jedes Licht ringsum
Und alles Andre stumm,
Hörst du den Hammer klopfen, hörst die Säge
Des Zimmermanns, der wacht
In der verschlossnen Werkstatt und beim Lämpchen
Sich sputet, daß die Arbeit
Noch fertig werde, eh' der Tag sich röthet.
Dies ist der liebste von den sieben Tagen,
Voll Hoffnung, voller Wonne.
Es bringt die neue Sonne
Trübsinn und Langweil; Jeder denkt im Stillen,
Daß wieder sich erneu'n die alten Plagen.
Du muntrer Knabe, dies
Dein Blütenalter gleicht
Solch einem heitren Tag, so klar und froh,
Und wenn er dann entfloh,
Hast deines Lebens Sonntag du erreicht.
Genieß ihn, Kind; gar süß ist diese Zeit,
Und Jeder lebt sie gerne.
Mehr will ich dir nicht sagen. Doch daß ferne
Dir noch dein Sonntag, sei es dir nicht leid!
An Silvia  
Silvia, erinnerst du noch
jene Zeit deines irdischen Lebens, als
Schönheit glänzte in deinen
lachenden Augen, verstohlenen Blicken,
und du, freudig und nachdenklich, die Schwelle
der Jugend überschrittest?
Es tönten die ruhigen
Zimmer, die Wege umher
zu deinem steten Gesang,
da über weiblichen Werken begriffen
du saßest, zufrieden genug
mit der heitren Zukunft die du dir träumtest.
es war der duftende Mai: und du pflegtest
so den Tag zu verbringen.
Bisweilen die anmutigen
Studien lassend und fleckigen Papiere,
worüber ich die Jugend
vergeudete und von mir den besseren
Teil, lieh ich von oben, von den Balkonen
des Hauses mein Ohr dem Klang deiner Stimme,
und den geschwinden Händen,
die die ermüdende Leinwand durcheilten.
den heitren Himmel schaut ich,
die gärten und goldnen wege,
und da das Meer von weitem, und dort den Berg.
sterblichen ist unsagbar
was ich im Busen fühlte.
Was für süße Gedanken,
Hoffnungen, was für Gefühle, o Silvia!
wie erschien uns das Leben
der Menschen und ihr Geschick!
wenn ich mich sovieler Hoffnung erinnre,
bedrückt mich ein herbes und
trostlos-trübes Gefühl,
und weckt mir die Schmerzen über mein Unglück.
o Natur, o Natur,
warum gibst du uns das nicht,
was du uns erst versprichst? warum betrügst du
so deine eignen Kinder?
Bevor der Winter die Gräser verdorrte,
vergingst befalln du von versteckter Krankheit
und besiegt, du Holde, Zarte. und sahst nicht
die Blüte deiner Jahre;
dein Herz umschmeichelte nicht
das süße Lob jetzt deiner schwarzen Haare,
jetzt deiner scheuen und verliebten Blicke;
mit dir nicht redeten an Feiertagen
die Freundinnen von Liebe.
Binnen kurzem verging auch
meine süße Hoffnung: auch meinen Jahren
verweigerte das Schicksal
die Jugend. ach wie, wie, wie
bist du dahingegangen,
teure Gefährtin meiner jungen Jahre,
meine beweinte Hoffnung!
ist dies jene Welt? dies die
Freuden, die Liebe, die Tage und Taten,
wovon wir soviel zusammen redeten?
ist dies das Schicksal des Menschengeschlechtes?
beim erscheinen des Wahren
fielest, unglückliche, du: und mit der Hand
zeigtest du mir den kalten Tod und ein
nacktes Grab von Ferne.


Giacomo Leopardi
Giacomo Leopardi
Der 1798 in Recanati [] gebo­re­ne Giacomo Leopardi ist einer der wich­tigsten italienischen Dich­ter des 19. Jahrhunderts.

Bereits im Alter von 16 Jahren besaß er eine außerordentliche Bildung, er konnte La­tein und Griechisch, Fran­zö­sisch, Englisch, Spa­nisch und He­brä­isch. Leopardis kurzes Leben – er wurde nur 39 Jahren als – war cha­rak­terisiert von ständiger Geldnot, dem Fehlen einer erfüllten Beziehung und einer schwachen Gesundheit. Das gab seinem Werk eine me­lan­cho­lische Grundstimmung. Aber aus Leopardis Werken spricht so viel Leben, Gefühl, Witz und Geist, dass Leopardis Melancholie dem Leser alles andere als trist erscheint.


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