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Das Pentameron
   
Die Novellensammlung Decamerone [] des italienischen Autors Gio­van­ni Boccaccio ist, nicht zuletzt wegen ihrer erotischen Inhalte, sehr be­kannt. Kaum jemand außerhalb Italiens hat aber etwas von der Märchen­samm­lung Pentamerone (italienisch "Fünftagewerk") des neapo­li­ta­ni­schen Schrift­stellers Giambattista Basile gehört, die 1634-36 erschien und 50 Er­zäh­lungen enthält. Der ursprüngliche Titel der Sammlung war "Mär­chen der Mär­chen" (neapolitanisch "Lo cunto de li cunti"). Die Geschichten sind, ähnlich dem Vorbild des Decamerone, durch eine Rah­men­handlung verknüpft.
Die im neapolitanischen Dialekt verfasste Märchensammlung enthält Va­rian­ten der späteren Grimm-Märchen "Cenerentola" (Aschenputtel), "Petersilie" (Rapunzel), "Die sieben Tauben" (Die sieben Raben), "Sonne, Mond und Talia" (Dornröschen). Interessant ist, dass sich bereits bei Basile die ersten voll­stän­digen Fassungen vieler bekannter Märchen, wie "Der Gestiefelte Kater", "Der Froschkönig" und viele andere befinden.
 
"Sonne, Mond und Thalia" (John Collier: The sleeping beauty)

In der Folge einige Kurzbeschreibung von Märchen aus dem Pentameron, je­weils mit einer Illustration von Franz von Bayros (1866 - 1924), einem österreichischen Grafiker, Illustrator und Maler des Fin de siècle. Seine Illus­trationen für den "Pentameron" sind zauberhaft!

Die fünf Söhne (Li cinco figlie) Der alte Pacione schickt seine fünf faulen Söhne fort, um nach einem Jahr zu hören, was sie gelernt haben. Der erste, Luccio, hat Stehlen ge­lernt, das bekümmert den Vater, der zweite Schiffe bauen, der dritte, Renzone, Armbrust schießen, der vierte, Jacuoco, Tote erwecken, da wittert der Alte Profit. Der Jüngste, Menecuccio, hat die Vogelsprache gelernt und steht schon vor der Un­terhaltung vom Esstisch auf, um ei­nem Spatz zu lauschen. Er erfährt, dass der König von Sardinien dem seine Tochter verspricht, der sie von einem Felsen holt, wohin ein Orco sie geraubt hat. Tittillo baut ein Schiff, und sie klauen Prinzessin Cianna neben dem schlafenden Orco weg. Der verfolgt sie in einer schwarzen Wolke, Renzone schießt ihn ab, aber die Prinzessin ist vor Schreck tot umgefallen. Der Vater lamentiert, doch Jacuoco erinnert ihn an seine Kunst, findet das Lebenskraut und erweckt sie. Der König lässt sich ihre Taten erzählen und gibt die Tochter Pacione, der seine Söhne lernen ließ, und sie kriegen Geld.

Der Dummling (Lo 'ngnorante): Der reiche Vater schickt seinen dum­men Sohn fort, dass er lerne. Un­ter­wegs findet er fünf Gefährten. Einer kann schnell laufen, einer horchen, einer zielen, einer pusten und einer schwer tragen. Der König verspricht seine Tochter dem, der sie im Wett­lauf einholt, so schnell ist sie. Der Läufer schafft es. Das zweite Mal gibt sie ihm einen lähmenden Ring, der ihn zurückbleiben lässt, doch der Horcher hat den Plan mitgehört, und der Schütze schießt den Ring vom Finger. Der König lässt sich beraten und bietet Geld statt der Tochter. Der Träger trägt alle Schätze fort. Man schickt Soldaten nach, doch der Puster wirbelt sie durch die Luft. Der Sohn kommt reich heim.

Die Schlange (Lo serpe): Eine kinderlose Bäuerin adoptiert eine Schlange aus einem Reisigbündel, das ihr Mann heimbringt. Die wird groß und lässt vom Bauern um die Königstochter werben. Der König fordert, dass sein Garten zu Gold, dann die Mauern Diamant, schließlich der Palast zu Gold wird. Die Schlan­ge lässt den Bauern Kerne, Scherben und Kräuter säen, vollbringt alles, der König gibt sich geschlagen. Alle nehmen Reißaus vor dem Bräutigam, nur die Braut ist standhaft. Er häutet sich und ist ein schöner Mann. Die Eltern verbrennen die Haut, er wird zur Taube, die flieht und sich an den Fenstern blutig stößt. Auf ihrer Suche trifft die Tochter eine Füchsin, die den Vögeln ablauscht, der Prinz wer­de vom Vogel- und Fuchsblut geheilt. Die Füchsin fängt die Vögel, und sie erschlägt mit List die Füchsin. Sie heilt den Prinzen, der in die Schlange ver­wünscht gewesen war, und erhält ihn zum Mann. Erst als er sie erkennt, willigt er ein, da sieht sie seine Treue.

Das Gesicht (Viso): Weil seine Toch­ter Renza einmal ihr Leben durch einen Knochen verlieren soll, sperrt der König sie in den Turm. Da spricht sie einmal durchs Fenster mit einem Prinzen und bricht mithilfe eines Hun­deknochens durch die Wand aus. Der Prinz vergnügt sich mit ihr und ver­lässt sie unterwegs, als seine Mutter schreibt, sie liege im Sterben. Renza folgt ihm als Mann verkleidet und sagt ihm Ver­se über seine einsame Frau, die er immer wieder hören will. Daheim hat ihm seine Mutter eine Braut besorgt. Renza darf mitessen und klagt allein im Garten, während das Paar sich bespricht. Noch beim zu Bett gehen muss Renza ihm die Verse wieder­ho­len, bis das der Braut zu viel wird. Beim Klang des Kusses stirbt Renza. Da erkennt er sie und ersicht sich.

Mit dem Film "Das Märchen der Märchen" (2015), der drei Ge­schich­ten aus Basiles Werk filmisch umgesetzt hat, hat der italienische Re­gis­seur Matteo Garrone, der 2008 mit seinem Mafia-Epos "Gomorrha - Reise ins Reich der Camorra" bekannt wurde, ein Stück poetische Filmgeschichte geschrieben und zugleich das Originalwerk einem größeren Publikum bekannt gemacht.
Auszüge aus dem Film

Allerdings sind es keine Märchen für Kinder, die Garrone ausgesucht und um­gesetzt hat. Der Fantasy-Film, den er erschaffen hat, lässt den Zuschauer träumen und gleichzeitig erschaudern. Dank seiner relativ unbekannten Vor­lage bietet "Das Märchen der Märchen" noch echte Überraschungen - und es sind diese, die den Reiz des Films ausmachen.



Giambattista Basile
Der Neapolitaner Giambattista Basile (1575 - 1632) war ein italienischer Schrift­stel­ler und Höfling ­­ Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra ver­schie­de­ner Fürsten. Er verfasste Gedichte sowie Theaterstücke und gilt durch sein Hauptwerk "Il Pen­ta­merone" als Europas erster gro­ßer Mär­chen­erzähler.

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