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Pinocchio

Wann habe ich Pinocchio (eine Pflichtlektüre für jedes in Italien auf­ge­wach­sene Kind!) zum ersten Mal gelesen? Oder habe ich diese zum Le­ben er­wach­te Marionette erst als Zeichentrickfigur im bekannten Film von Walt Disney kennen gelernt?

Leseprobe

Die Fee gibt Pinocchio vier Goldstücke, die er seinem Vater bringen soll. Es kommt aber anders. Pinocchio geht mit zwei messerscharfen Analysten, dem Fuchs und der Katze zum dem Feld der Wunder (gleich neben der Stadt Börsenfurth), um dort seine vier Goldstücke zu sähen.

„Was machst du nun in dieser Gegend?" fragte der Fuchs den hölzernen Jungen.

„Ich warte auf meinen Vater, der jeden Augenblick hier sein muss."

„Und deine Goldmünzen?"

„Die habe ich immer noch in der Tasche, bis auf eine, die ich im Wirtshaus 'Zum Roten Krebs' ausgegeben habe."

„Wenn man daran denkt, dass aus den Münzen morgen tausend oder zweitausend geworden sein könnten! Warum hörst du nicht auf meinen Rat? Warum säst du sie nicht auf dem Feld der Wunder?"

„Heute geht es nicht, wir gehen ein andermal dorthin."

„Ein andermal wird es zu spät sein“, sagte der Fuchs.

„Warum?"

„Weil dieses Feld von einem reichen Herrn gekauft wurde und weil von morgen ab niemand mehr dort Münzen säen darf."

„Wie weit ist es denn von hier bis zum Feld der Wunder?"

„Knapp zwei Kilometer. Willst du mit uns kommen? In einer halben Stunde bist du dort: Du säst schnell deine vier Münzen, und nach wenigen Minuten erntest du zweitausend Stück, und heute abend kehrst du mit vollen Taschen zurück. Willst du mit uns gehen?"

Pinocchio zögerte ein wenig mit seiner Antwort, weil er an die gute Feee, den alten Gep­petto und die Warnungen der Sprechenden Grille denken musste. Aber schließlich tat er, was alle Kinder tun, die keinen Funken Verstand und kein Herz haben. Er nickte mit dem Kopf und sagte zum Fuchs und zur Katze: „Also gehen wir, ich komme mit."

Und so begab sich das Trio auf den Weg zu dem sagenhaften Feld der Wunder.

Nachdem sie einen halben Tag marschiert waren, kamen sie in eine Stadt, die Börsenfurth hieß. Dort waren die Gassen gefühlt von herabgekommenen Hunden ohne Fell oder Zähne, die vor Hunger gähnten. Geschorene Schafe zitterten in der Kälte. Hühner ohne Kamm bettelten bei selbst ärmlichen Passanten um ein winziges Korn.

Große Schmetterlinge sah man, die ihre Flügel nicht nutzen konnten, weil sie ihre lieblichen Farben dienstbar auf der Straße verkauft hatten. Dort gab es geduckte Pfaue ohne Rad, die sich schämten, sich zu zeigen und schäbige Fasane, die rasch davonliefen, um ihre prächtigen goldenen und silbernen Federn barmend, die sie für immer verloren hatten.

Durch diese Schar von Bettlern und Ärmsten fuhr hin und wieder eine prachtvoll verzierte Kutsche. Darin saßen lässig mal ein Fuchs, mal ein Habicht oder auchein Geier.

„Wo ist das Feld der Wunder?" fragte Pinocchio, dem das Laufen lästig wurde.

„Sei geduldig“, antwortete der Fuchs, „ich versichere dir, es ist nur noch ein paar Schritte von hier."

Sie gingen durch die Stadt und dort neben der Stadtmauer gelangten sie auf ein einsames Feld, dass nicht anders aussah, als jedes andere Feld.

„Hier sind wir“, sagte der Fuchs zur Marionette. „Nun musst du hier ein Loch graben und die Goldstücke dort hineinlegen."

Die Marionette gehorchte eilig. Sie grub ein Loch, legte die vier Goldstücke hinein und bedeckte sie dann sorgfältig mit Erde.

„Und nun“, sagte der Fuchs, „musst du zu dem nahen Bach gehen und einen Eimer Wasser schöpfen und diesen über diese Stelle gießen."

Pinocchio befolgte diese Anweisungen gewissenhaft, aber da er keinen Eimer hatte, zog er dafür seinen hölzernen Schuh aus, füllte ihn mit Wasser und besprenkelte damit die Erde, die das Gold bedeckte. „Noch etwas?" fragte er.

„Sonst nichts“, antwortete der Fuchs. „Komm hierher in zwanzig Minuten zurück und du wirst eine Rebe finden, deren Äste mit Gold behängt sind."

Pinocchio setzte sich auf die Erde.

„Was machst du?" fragte der Fuchs.

„Ich bin so müde vom Laufen. Ich dachte, ich sitze hier und warte und schaue."

„Aber das ist nicht gut“, sagte der Fuchs, „weil das Geld nicht wachsen wird, wenn es beobachtet wird. Es tut seine Arbeit nur im Geheimen."

Pinocchio sprang wieder auf die Füße. Außer sich vor Dankbarkeit für diese Ratschläge drückte er den Fuchs und die Katze. „Ich verspreche Euch, mein Vater und ich werden nicht die einzigen sein, die davon profitieren. Nach der kurzen Weile, die es für das Gold zu wachsen braucht, werdet ihr beide nicht nur meinen armseligen Dank erhalten, sondern einige wertvolle Geschenke."

„Wir wollen keines deiner Geschenke“, antworteten die beiden Schurken. „Es reicht uns, dass wir dir geholfen haben, reich zu werden, mit wenig oder gar keiner Anstrengung. Das macht uns so glücklich wie Könige."

Der Fuchs und die Katze gingen mit Pinocchio zurück in die Stadt. Nachdem sie für die Marionette eine Bank nahe des Rathauses gefunden hatten, von der aus diese die zwanzig Minuten auf der großen Rathausuhr verstreichen sehen konnte, sagten sie der Marionette „Aufwiedersehen" und „Alles Gute" und waren alsbald die Straße hinunter verschwunden.

Pinocchio wird seiner Goldstücke beraubt und wird, als Strafe, zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.

Wenn die Marionette ein Leben lang gewartet hätte, statt nur zwanzig Minuten, wäre ihr die Zeit nicht länger vorgekommen. Während sie die Uhr sich bewegen sah, dachte sie, eine Ewigkeit müsse vergangen sein und dennoch wollten die zwanzig Minuten einfach nicht enden. Als nur noch eine Minute übrig war, dachte sie sich, es wäre wohl nicht schädlich, zum Feld der Wunder zurückzukehren, aber dann beherrschte sie sich doch, weil sie alles tun wollte, um die Magie der Geldvermehrung nicht zu zerstören.

Aber sobald die letzte Sekunde der letzten Minute verstrichen war, begab sich Pinocchio auf den Weg. Sein Herz klopfte ein aufgeregtes tick, tack, tick, tack zu dem Takt seiner hölzernen Füße, sein emsiges Gehirn wirbelte vor freudigen Gedanken:

„Was wäre, wenn ich nun fünftausend Goldmünzen fände? Das Wasser, das ich über die Münzen goss, war das beste Wasser und ich habe genau das getan, was man mir gesagt hat, so könnte es leicht sein, dass ich sogar zehntausend Goldstücke dort finde. Und wenn das so ist, weiß ich auch schon genau, was ich damit tue. Ich werde mir selbst einen wunderschönen Palast bauen, mit tausend Ställen in denen tausend Holzpferde auf mich warten. Einen Keller werde ich haben, in dem Tag und Nacht Limonade fließt und man wird mir Döner Kebab servieren, bis ich platze. Eine Bücherei wird da sein, statt der Bücher gibt es dort Mandelgebäck und Früchte, Kuchen und Kekse."

Während sie sich so begeistert fand, näherte sich die Puppe dem Feld der Wunder. Dort hielt sie inne und schaute mit großer Erwartung nach dem Bäumchen mit den goldenen Geldstücken. Aber sie sah nichts. Pinocchio ging einen Schritt vorwärts und noch immer - nichts. So lief der hölzerne Junge auf das Feld, zu dem Platz wo er das Loch gegraben hatte, um seine Goldstücke zu vermehren. Aber da war nichts!

Als Pinocchio dort stand und seinen armen, verwirrten Kopf kratzte, hörte er das Geräusch von herzhaftem Gelächter in der Nähe. Er drehte sich kurz um und sah auf dem Ast eines Baumes einen großen Papagei, der damit beschäftigt war, sich zu lausen.

„Worüber lachst du?" fragte Pinocchio wütend.

„Ich lache, weil ich mich lause. Das kitzelt so unter den Federn“, sagte der Papagei. „Was meinst du, worüber ich lache?"

Der hölzerne Junge antwortete nicht. Er ging hinüber zum Bach, füllte seinen Schuh mit Wasser und goß es über die Erde, die die Goldstücke bedeckte.

Wieder ertönte ein Ausbruch von Gelächter, noch impertinenter als beim ersten Mal.

„Heraus damit“, schrie die Marionette, die nun recht wütend war, „darf ich wissen, Herr Papagei, was Sie so amüsiert?"

„Ich lache über diese Einfaltspinsel, die alles glauben, was sie hören und die sich so willig in jede Falle begeben, die man ihnen gestellt hat."

„Ich bin kein Einfaltspinsel!“, rief Pinocchio grimmig.

„Habe ich gesagt, du wärest einer? Es möge mir fern liegen, jedweden dumm zu nennen, der glaubt, Gold könne ausgesät werden, wie etwa Bohnen oder Kürbisse. Es möge mir fern liegen, zu sagen, dass niemand zu ehrlichem Geld auf diese Art kommen könne. Ich bin nur ein dummer Papagei, der auf einem Baum sitzt. Ich kann dir nur sagen, was ich gehört habe."

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, sagte die Marionette und begann vor Furcht zu zittern.

„Ich kann dir nur sagen, was ich gehört habe“, wiederholte der Papagei. „Und was ich gehört habe, ist, dass während du in der Stadt warst, der Fuchs und die Katze in großer Eile zurückgekehrt sind, die Goldstücke ausgegraben haben und fort sind wie der Wind. Wenn du sie jetzt noch einholst, bist du ein Wunderknabe."

Pinocchios Mund öffnete sich weit. Er wollte den Worten des Papageis nicht glauben, also begann er wie verrückt die Erde aufzugraben. Er grub und grub, bis das Loch so groß war, wie er selbst, aber da war kein Geld mehr. Die Goldstücke die er vergraben hatte, waren verschwunden.

In wilder Verzweiflung rannte die Marionette in die Stadt und ging geradewegs zum Gericht, um dem Magistrat die die Straftat zu berichten.

„Was ist deine Beschwerde?" fragte der Richter, ein großer Gorilla mit schon grauem Rücken, auf dessen Nase eine goldgefassten Brille thronte, aus der die Gläser sich verabschiedet hatten. Der Grund sie zu tragen, so sagte er gelegentlich, sei, dass seine Augen durch die jahrelange Rechtstätigkeit schwächer geworden seien.

Pinocchio stand vor ihm und erzählte sein trauriges Erlebnis, Wort für Wort, lies kein Detail aus. Er nannte Namen und Beschreibung der Räuber und bat nach langem Vortrag schlussendlich um Gerechtigkeit.

Der Richter hörte im mit großer Geduld zu, mit einem freundlichen Glanz in den Augen. Tatsächlich war er so beeindruckt von der Geschichte der Marionette, dass er in Tränen ausbrach. Nachdem Pinocchio seinen Fall zur Gänze vorgetragen hatte, streckte der Richter die Hand aus und läutete die Gerichtsglocke.

Sofort erschienen zwei große Fleischerhunde, die als Polizisten gekleidet waren.

„Seht her“, sagte der Magistrat und zeigte auf Pinocchio. „Dieser arme Narr wurde um vier Goldstücke ausgeraubt. Nehmt ihn daher und werft ihn ins Gefängnis."

Pinocchio versuchte zu protestieren, aber die zwei Gerichtsdiener legten ihre Pfoten über seinen Mund und zerrten ihn ins Gefängnis.

Viele lange, entbehrungsvolle Monate saß Pinocchio im Gefängnis. Dann, eines Tages, verkündete ein junger Herrscher, der über die Stadt Börsenfurth befahl, einen großen Sieg über seine Feinde. Er ließ ein großes Feuerwerk anzünden und als trefflichstes, die Türen aller Gefängnisse aufsperren. Nicht aber die Tür von Pinocchio, der dort wegen seiner Erklärung festgesetzt worden war, er wäre kein Dieb.

Als die Puppe dies hörte, rief er dem Wärter zu: „Auch ich bin ein Übeltäter!"

„In diesem Fall gilt die Amnestie auch für dich“, sagte der Gefängnisbeamte und verbeugte sich.

Pinocchio rannte aus dem Gefängnis, so schnell ihn die Füße trugen und schaute sich nicht um, bevor er nicht eine Stunde gelaufen war.



Carlo Collodi

Carlo Collodi, eigentlich Carlo Lo­ren­zini (1826 - 1890) ist der Autor des welt­be­rühmten Romans Die Aben­teuer von Pinocchio. Sein Pseu­do­nym leitet sich vom Dorf Collodi ab, wo seine Mutter geboren wurde. Auch Collodi selbst ver­brach­te einen großen Teil seiner Kindheit dort.

Collodi
Pinocchio
Die langlebige Geschichte von Pinoc­chio (ausgespr. Pinokkio) ist heute mehr als hundert Jahre alt. Diese Figur, Kind und Marionette zugleich, verbirgt die Faszination des toten Stoffs, der geheimnis­vollerweise zum Leben erweckt wird.

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