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Lina Cavalieri

Man könnte die Lebensgeschichte von Natalina Cavalieri (1874-1944) wie ein Märchen betrachten, oder vielleicht wie ein Melodrama, dessen Titel "Die schönste Frau der Welt" sein könnte, denn so nannte man die berühmte ita­lienische Opern­sän­gerin.

Die Tochter eines Architekten aus den Marken und einer Schneiderin aus Vi­ter­bo (Latium) musste wegen der schlechten wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se der Familie bereits als Kind arbeiten: als Flo­ris­tin, als aus­zubildende Schneiderin und in einem Zeitungsverlag.
Die Ge­wohnheit des jungen Mädchens, während der Arbeit zu singen, brachte ihre Mutter dazu, sich an Arrigo Molfetta zu wenden, der sich bereit erklärte, dem Mädchen einige Lieder beizubringen. Mit fünfzehn Jahren debütierte sie als "sciantosa" (neapolitanische Verballhornung von "Chanteuse", wie man da­mals eine weibliche Person nannte, die in einem Varietétheater oder ei­nem Café-chantant singt) in ei­nem kleinen Theater an der Piazza Navona. Dank ihrer wunder­schö­nen Stimme und ihrer beeindruckenden Schönheit wurde sie bald sehr populär. Im Alter von 21 Jahren sang sie im Salone Mar­gherita (Rom), was für eine Liedersängerin ein sehr angesehenes Ziel war. Sogar der große römische Dichter Trilussa begeisterte sich für sie: "Fior d' orchidea, il bacio dato sulla bocca tua lo paragono al bacio d'una dea" ("Oh Orchi­deen­blü­te, ein Kuss von deinem Mund gleicht dem Kuss einer Göttin"). In Paris triumphierte sie auf der Bühne der Folies Bérgères, indem sie nea­po­litanische Lieder sang.
Sie sang in London, Wien und Berlin. Ihr Ruhm reichte bis nach Russland, wo sie in Petersburg weitere Erfolge feiern konnte. Ihr Wunsch, ihre Karriere als "Chanteuse" aufzugeben, um sich ausschließlich der Opernmusik zu widmen, wurde wegen ihrer Heirat (*) im Jahr 1899 mit dem russischen Prinzen Ale­xan­der Wla­di­mi­rowitsch Bariatinsky (1870–1910), dem späterem Schwie­ger­sohn des Zaren Alexander II., vorübergehend verschoben. Nach wenigen Jahren wurde sie vom Zaren, der ihre Theatervergangenheit und ihre fort­ge­setz­ten Kontakte mit italie­ni­schen Künstlern in Petersburg nicht gutheißen wollte, zur Schei­dung gedrängt und sie verließ Russland. Aus dieser ersten Ehe hatte Lina einen Sohn, Alexander Bariatinsky Jr.

In Paris nahm die junge Cavalieri an der Comédie-Française ernsthaften Schauspiel- und Gesangsunterricht bei Maddalena Mariani Masi. Im Januar 1900 debütierte sie in Lissabon als Nedda in Leoncavallos "I pagliacci". Sie ließ sich von den herben Kritiken an ihrer nicht genug trainierten Stimme nicht abschrecken und nahm weiter Gesangunterricht. Am 7. April desselben Jahres sang sie die Rolle der Mimì in "La Bohème" im Berühmten Teatro San Carlo in Neapel, der Stadt, in der ihre Karriere als Sängerin begonnen hatte. Es wurde ein großer Erfolg. Die Tageszeitung "Il Mattino" dekretierte, dass sich die Cavalieri "revanchiert" hatte.

Lina Cavalieri singt "Carmen" (1910)
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Als Krank­heits­ver­tretung von Hariclea Darclée sang Cavalieri 1902 die Floria Tosca in der gleichnamigen Oper von Giacomo Puccini und erntete großen Beifall. Weitere Auftritte folgten, unter anderem in der Opéra von Monte Carlo, dem Théâtre Sarah Bernhardt in Paris und an der Metropolitan Opera in New York.

In New York hatte Lina Cavalieri einen fes­ten Vertrag beim Ensemble der Me­tro­po­litan Opera, der sie über vier Jahre die Treue hielt. Mit Enrico Caruso verband sie eine tie­fe Freund­schaft. Am Ende des Liebes­duetts in Fedora umarmte Lina Cavalieri einmal Caruso auf offener Bühne und küsste ihn mit solcher Lei­denschaft, dass ihr Kuss als der erste "echte“ Bühnenkuss in der Ge­schich­te galt. Die Ame­rikaner nannten sie seitdem "The Kis­sing Primadonna". In der Saison 1909 – 1910 sang die Cavalieri an Oscar Hammer­steins Manhattan Opera Com­pany mit John McCormack. Zur selben Zeit hatte sie eine Liebesgeschichte mit dem schwerreichen Robert Winthrop Chanler (1872–1930), Mit­glied der be­rühm­ten Astor-Familie, den sie heiratete. Die gemeinsame Ehe hielt nur acht Tage und Lina Cavalieri kehrte nach Eu­ro­pa zurück. Auf einer Russ­land-Tournee lern­te sie den aus Italien stammenden französischen Tenor Lucien Mura­to­re (1878− 1954) ken­nen und lieben. Ihre Hochzeit im Jahr 1914 war "das" gesell­schaft­li­che Er­eig­nis in Paris. Muratore gelang, was ihren an­deren Ehemännern nicht gelungen war: 1914 verabschiedete sich Lina Cava­lieri von der Opernbühne.
Dennoch verzichtete sie nicht darauf, die Aufmerksamkeit der Welt zu er­re­gen. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges ging sie in die USA und spielte in Hollywood unter dem belgischen Filmregisseur Edward José in einigen Filmen mit. Aber auf der Leinwand konnte sie nicht das gleiche Charisma entfalten wie auf der Bühne. 1920 verabschiedete sie sich endgültig von der Bühne mit den Wor­ten: "Ich verabschiede mich von der Kunst ohne viel Lärm nach einer viel­leicht zu viel Aufsehen erregenden Karriere". 1921 zog sie nach Paris, wo sie ein Schönheitsinstitut eröffnete, das von ihrem Mythos einen gewissen Erfolg schöpfen konnte.
Cavalieri als Nedda in Leoncavallos "I Pagliacci"
Mitte der 1920er Jahre kehrte sie nach Italien zurück, wo sie Gesangs­un­ter­richt gab. Sie organisierte auch mehrere Liederabende für Wohltä­tig­keits­ver­an­stal­tungen in London, Madrid und Paris. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie als freiwillige Kranken­schwes­ter. Sie verbrachte ihre letzten Jah­re mit ihrem Impresario Arnaldo Pavoni. Bei einem alliierten Bomben­angriff am 6. März 1944 kamen Cavalieri und Pavoni in ihrer Villa in Fiesole bei Flo­renz ums Leben.

1955 wurde Lina Cavalieri von Gina Lollobrigida [] in dem Film "La donna più bella del mondo" (Die schönste Frau der Wert) verkörpert. Alle Lieder und die Opernarien der ''Tosca'' in diesem Film wurden von Gina Lollobrigida selbst gesungen.
Gina Lollobrigida als Lina Cavalieri
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La Belle Èpoque war von ihrer Schönheit und Anmut fasziniert. Trotz ihrer be­scheidenen Herkunft hatte sie die Haltung und das Benehmen einer "Grande Dame". Der italienische Dichter Gabriele d'Annunzio [] widmete ihr ein Exemplar seines Romans "Il piacere" und bezeichnete sie als "das höchste Zeugnis von Venus auf Erden". Sie wurde von Enrico Caruso bewundert, von Giacomo Puccini, Matilde Serao, Francesco Paolo Michetti und einer un­end­li­chen Schar von Verehrern. Die Damen der "guten Gesellschaft" hassten sie, die Frauen aus dem Volk beneideten sie, die Männer aus ganz Europa ver­ehr­ten sie. Carolina Otero, die als "Belle Otéro" bekannte spanische Tänzerin, Sängerin und Mätresse unzähliger gekrönter Häupter und berühmter Per­sön­lich­keiten, soll sie aus Eifersucht sogar zum Duell he­raus­gefordert haben.

Zahlreiche Männer verliebten sich in die große Diva. Einer von ihnen war Da­vide Campari, der Sohn des Erfinders des berühmten Aperitifs. Der Le­gen­de nach soll der unsterblich verliebte Davide seiner geliebten Lina durch diverse Länder nachgereist sein, um sie für sich zu gewinnen. Zwar gab sie seinem Drängen nie nach, doch machte Davide dadurch den Aperitif Campari in der ganzen Welt bekannt.
Ein sizilianischer Herzog bot ihr an, sich ihr zwei Monate lang als Chauffeur zur Verfügung zu stellen, gab dann aber auf, denn, wie er ihr in einem Brief schrieb: "Es ist eine Torheit, zu hoffen, von Euch geliebt zu werden, denn Ihr denkt und lebt nur für Eure Kunst".

Es sind nur wenige Gesangsaufnahmen von Lina Cavalieri bekannt. Im Jahr 1910 nahm sie für Columbia Records mehrere Arien auf, 1916 sang sie zu­sam­men mit ihrem Ehemann Lucien Muratore für Pathé drei Duette, darun­ter das Liebesduett aus der Oper Roméo et Juliette von Charles Gounod.

(*) Quelle: Enciclopedia Treccani
 

Lina Cavalieri

Wenn man den Film "Die schönste Frau der Welt" anschaut, denkt man zunächst an ein Märchen im Holly­woodstil, was auch nicht ganz zu leugnen ist. Zumal der Film mit ei­nem Happyend zwischen der Cava­lie­ri und einem russischen Prinzen endet.
In Wikipedia heißt es nur: "Lina Ca­va­lieri hatte mit dem russischen Prinzen Alexander Wla­di­mirowitsch Bariatinski, späterer Schwiegersohn des Zaren Alexander II., eine Lie­bes­affäre". Tatsächlich (*) soll Lina Ca­va­lie­ri aber "ihren" Prinzen wirk­lich ge­hei­ratet haben!

Die schönste Frau der Welt
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La donna più bella
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Die kleinen Gärten des Maestro Puccini
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Lina Cavalieri: The Life of Opera's Greatest Beauty, 1874-1944
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