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Camorra
Neapel ist eine wundervolle Stadt in jeder Jahreszeit. Aber es gibt Jah­res­zeiten, in denen man die Stadt lieber meiden sollte. Zwischen Oktober und März, beispielsweise. Denn dann stirbt man öfter! Die Polizei­sta­tis­ti­ken be­sagen, dass es in den letzten 25 Jahren 3000 Morde durch die Camorra gab: ein Mord alle zweieinhalb Tage! Das ist eine Situation, die in Europa ihres­glei­chen nicht findet. In der Nachkriegszeit hat die Camorra niemals aufgehört zu schießen. Allein 2004 gab es 139 Tote.

Der Begriff „Camorra“ bezeichnet die or­ga­nisierte Krimi­na­lität, die in der Region Kampanien entstanden ist, und sich von hier inzwi­schen auch auf andere Gegenden in- und außerhalb Italiens ausgebreitet hat. Bei der Camorra handelt es sich aber nicht, wie bei der sizilianischen Mafia ist, um eine einzige kriminelle Organisation. Die Struktur der Camorra ist viel komplexer, denn sie be­steht aus mehreren „cosche“ (Clans), die sich das Territorium betreffend, die Or­ga­ni­sationsform, die wirtschaftliche Stärke und die Art zu agieren stark untereinander unterscheiden. Die Camorra hat, anders als andere italienische Mafia-Organisationen, ihren Ursprung nicht in den ländlichen Gegenden sondern in der Grosstadt Neapel. Außerdem sind die einzelnen Clans oft untereinander vefeindet, was öfters zu Fehden und Camorra-Kriegen führt.

Die Camorra (spanisch für „Streit“) entstand zu Beginn des 16. Jahrhunderts während der spanischen Besetzung des Königreichs Neapel. Der allererste Kern der Camorra soll auf das Jahr 1417 zurückzuführen sein. Es war die sogenannte „Guarduna“, eine spanische Geheimgesellschaft, die in Sevilla gegründet wurde und auch in den Werken von Cervantes erwähnt wird.
Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden in Neapel die „compagnoni“, echte Vor­läufer der „camorristi„. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren es hingegen die „lazzaroni“ (wörtlich „Nichtsnutze“, „Gauner“, „Pöbel“), die sich mit der Kriminalität verbanden, um sich gegen die Truppen Napoleons zu wehren.

Seit 1820 gedieh die Camorra hauptsächlich in den Gefängnissen. In diesen Jahren gründet Pasquale Capuozzo, der erste Clanchef, die „Bella società riformata“ (die schöne reformierte Gesellschaft).

Da sich die staatlichen und kirchlichen Institutionen nicht um die unteren sozialen Schichten und deren Probleme kümmerten, genoss die Camorra bei den kleinen Leuten, trotz ihres kriminellen und gewalttätigen Vorgehens, ein hohes Ansehen , denn sie garantierte wenigstens ein Minimum an Gerech­tig­keit. Im Jahr 1860 setzte der Präfekt der provisorischen Einheitsregierung, Liborio Romano, sogar dier Camorra als Bürgerwehr ein, um die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten.
Für die Camorra bedeutet dies de Facto die offizielle Anerkennung.
1863 wurde aber das „Pica-Gesetz" verabschiedet, das im Wesentlich wegen das Brigantentum geschaffen wurd, aber auch zur Bekämpfung der Camorra verwendet wurde. Es ermöglichte es, bereits auf Basis eines Verdachts zu handeln.

Angeklagte beim Prozess Cuocolo in Viterbo 1911

Am 8. November 1901 wurde die erste Enquete-Kommission gegen die Ca­mor­ra gegründet. Der Herzog von Aosta, Emanuele Filiberto forderte zur Här­te gegen die Camorra auf. Man wartete auf eine Gelegenheit, um zu handeln. Diese Gelegenheit ist der 1906 begangene Mord an Gennaro Cuocolo und seiner Frau. Im Jahr 1911 wurde in Viterbo der Prozess wegen der Ermordung des Ehepaars Cuocolo eröffnet, bei dem zum erstenmal in der Geschichte der Camorra ein Kronzeuge auftauchte. Dank zahlreichen Zeugenaussagen und dem Kronzeugen Abbatemaggio konnte der Prozess am 9 Juli 1912 zu zahl­reiche Verurteilungen führen.

Enrico Alfano und die acht Hauptangeklagten wurden zu 30 Jahre Haft ver­ur­teilt, weitere 47 Angeklagte zu geringeren Strafen.
Am 25. Mai 1915 lösten die Camorristen im Stadtteil Sanità, unter Vorsitz von Gaetano Del Giudice, die Camorra, welche eigentlich schon nach dem Prozess von Viterbo de facto aufgehört hatte zu existieren, offiziell auf.
Während der Zeit des Faschismus herrscht Ruhe auf der Camorra-Front. Es ging so weit, das Mussolini, nach den Erfolgen von Cesare Mori, dem "Prefetto di ferro" (eisernen Polizeichefs) gegen die Mafia in Sizilien, viele der in Vi­ter­bo verurteilten Camorrisit begnadigte, weil sie seiner Auffassung nach keine Gefahr mehr bedeuteten.
Die neue Camorra in der Form, wie wir sie heute kennen, bildete sich nach 1945. Viel dazu trugen die USA bei, als sie den Mafioso Lucky Luciano zum Zwangsaufenthalt nach Neapel versetzten und dessen Kontakte zur Mafia nutzten [].
Camorra
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In den 70er Jahren versuchte der im Gefängnis von Poggioreale (Neapel) ein­sitzende Boss Raffaele Cutolo, genannt „der Professor“, der Camorra wieder einen hierarchischen Charakter zu geben und gründete die Neue Organisierte Camorra, die sich gegen die alten Camorra-Familien stellte, die sich ihrerseits zur Neuen Familie zusammenschlossen.
Der Krieg zwischen den beiden Familien endete Anfang der 80er Jahre mit der Niederlage der Neuen Organisierten Camorra und kostete Hunderte von Men­schen das Leben. Die Neue Familie fiel kurze Zeit später auseinander.
In den 1980er Jahren totgesagt, hat sich die Camorra wieder zusam­men­ge­funden und operiert jetzt sogar auch außerhalb ihres angestammten Terri­to­riums. Trotz zahlreicher vernichtenden Bandenkriege zwischen den Clans hat die Camorra bis heute überlebt und sogar weite Teile der Politik und Wirt­schaft Süditaliens unterwandert. In den letzten Jahren forderte ein Krieg zwischen dem Clan Di Lauro und einer Gruppe von Abtrünnigen, den so ge­nannten „scissionisti“, zahlreiche Opfer (allein 2004 / 2005 gab es über 100 Morde). Die Polizei konnte diesen Krieg nur durch ein Groß­aufgebot von 13.000 Beamten eindämmen.
Am 27. Februar 2005 wurde der Führer der scissionisti, Raffaele Amato, in Spanien festgenommen. Am 16. September des selben Jahres gelang der Polizei ein weiterer Schlag gegen die Organisation, als mit Paolo Di Lauro einer der wich­tig­sten Anführer verhaftet werden konnte.
Müllgeschäfte der Camorra
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Im Oktober 2006 begann in Neapel erneut eine Mordserie zwischen kon­kur­rie­ren­den Clans, die in wenigen Tagen 12 Todesopfer forderte. Der damalige Innen­mi­nis­ter Giuliano Amato entsandte 1.000 zusätzliche Polizisten und Carabinieri ins Land für die Ermittlungen und um die Sicherheit der Touristen zu gewährleisten.

Mitte der 1990er schien die Camorra erneut am Ende zu sein, waren doch die meisten großen Bosse im Gefängnis. Dennoch ist ist die Organisation wieder verstärkt in Neapel aktiv geworden und hat die Stadt weitgehend unter ihrer Kontrolle. Jährlich gehen mehr als 100 Morde in Neapel auf das Konto der Verbrecherorganisationen, in der Regel von rivalisierenden Clans verübt. Touristen sind normalerweise nur von Kleinkriminalität wie Diebstahl bedroht, vor allem in Nähe der bekannten Sehenswürdigkeiten.

Die Camorra kontrolliert ihr Territorium mit Drohungen, Gewalt und dank der stillschweigenden Duldung der Einwohner. Schätzungsweise 80 % der nea­po­li­ta­nischen Geschäftsinhaber zahlen Schutzgeld an die Camorra. In erster Linie profitiert die Camorra von der Armut in der Stadt Neapel, da sie sehr lu­kra­tive Jobs vergeben kann: Ein Kleindealer verdient ohne großen Aufwand das Zehnfache eines Pizzabäckers. In Neapel beträgt die Arbeitslosenrate 25 %, unter Jugendlichen sogar 50 %. So wird das organisierte Verbrechen zum Brotgeber für Tausende von Verzweifelten.

Manche Gegenden Neapels (im Norden und Nordosten) sind zur No-Go-Area geworden. Verbesserungen wird es erst dann geben, wenn sich die soziale Lage verbessert, andernfalls sind alle anderen Maßnahmen zum Scheitern verurteilt. Die Haupteinnahmequellen der Camorra sind im Wesentlichen (und in dieser Reihenfolge): Drogenhandel, Pro­dukt­pi­raterie von Luxusgütern, durch Korruption und Erpressung erlangte Großaufträge im Baugewerbe, Waffenhandel, illegale Müllentsorgung und Schutzgelderpressung.

 
Kampanien
Kampanien (Campania), dessen Haupt­stadt Neapel ist (Napoli), ist eine Region an der Westküste von Italien. Kampanien grenzt im Nord­westen mit dem Latium, im Nord­osten mit Molise, im Osten mit Apu­lien, im Südosten mit der Basilicata und ist westlich vom Tyrrhenischen Meer begrenzt. Die rund 5,8 Millionen Einwohner konzentrieren sich größ­ten­teils im Ballungsgebiet von Ne­apel. Damit ist Kampanien die am dichtesten besiedelte Region Italiens.
Camorristi
Ich erinnere mich, wie man, zur Zeit meiner Kindheit in Norditalien, oft und gerne ein anderes, miss­lie­biges Kind mit der Be­zeich­nung „camor­rista“ be­schimpf­te. Es stand für ge­mein, Schummler, Be­trü­ger. Ich dach­te mir nicht viel dabei. Erst viel später erfuhr ich den Zu­sam­men­hang mit der neapolitanischen Ver­brecherorganisation Camorra.

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