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Made in Italy aus China

In den letzten Jahrzehnten hat sich in Prato, einer kleinen Stadt in der Tos­ka­na und Hochburg der Textilindustrie, eine starke chinesische Ge­mein­schaft ange­sie­delt. Sie produziert Kleidung miserabler Qualität, die aber – zum gro­ßen Scha­den der einheimischen Industrie – mit dem wert­vol­len Qua­li­täts­sie­gel "Made in Italy" versehen werden kann.

Es ist die größte "Eroberung" Chinas in Europa. Und das mitten in einer der italienischsten Städten Italiens, einem Kleinod des Mittelalters, einer seit eh und je sozial sehr fortschrittlichen Gemeinde.

In diese Stadt mit 180.000 Einwohnern kamen die Einwanderer aus der Volks­republik China erstmals im Jahr 1989, inzwischen liegt die offizielle Zahl be­reits bei 15.000. Die meisten von ihnen kommen aus Wenzhou, der Sieben-Millionen-Stadt im Süden Schanghais, die als das Mekka der chinesischen Pri­vat­wirtschaft gilt. Es handelt sich um die drittgrößte Gemeinschaft chine­si­scher Einwanderer in Europa nach Paris und Mailand. Die Dunkelziffer beläuft sich auf bis zu 30.000. Die Mehrheit der Einwanderer sind also illegal. Sie le­ben ohne gültige Papiere, ohne jedes öffentliche Leben.
Die meisten von ihnen sind mit einem Touristenvisum nach Italien gekommen und nach dessen Ablauf einfach untergetaucht. Selbst wenn sie von der Poli­zei bei einer Kontrolle erwischt werden, werden sie nur selten ausgewiesen. Die Illegalen hoffen einfach auf die nächste "sanatoria", Legalisierung. Diese fin­det von Zeit zu Zeit statt und ermöglicht den Ausländern die Regula­ri­sie­rung ihres Aufenthaltsstatus.
Es ist ein fast unglaublicher Coup. Es sind nämlich nicht nur die chinesischen Immigranten, die sich hier eingenistet haben, es ist China selbst mit seinem Wirtschaftsmodell, das in diesem Flecken Toskana Fuß gefasst hat.
China, das Land, das mit seinen billigen Textilwaren Pratos Tex­til- und Be­klei­dungsindustrie in eine tiefe Krise gebracht hatte, aufgrund der die Pro­duk­tions­stätten reihenweise ihre Tore schließen mussten, sorgte mit der Grün­dung von chinesischen Unternehmen selbst für eine Trendwende, die heute die Po­si­tion Pratos auf dem inter­na­tio­na­len Textilmarkt wieder stärkt.
Die Chinesen schickten nicht nur ihre Produkte ins Land, sie kamen gleich selbst. Die genugsamen Einwanderer aus dem Land der Mitte blieben zu­nächst unsichtbar und erle­dig­ten jene Arbeiten, die die Italiener nicht gerne machten, und arbeiteten flexibel und ohne Zusatzlohn. Sie fertigten in Heim­arbeit Stoffe für italienische Subunternehmen, die wiederum die großen Mo­de­firmen belieferten. Sie sorgten immerhin dafür, dass Textilien "Made in Italy" konkurrenzfähig blieben.
Das Chinesische Neujahrsfest in Prato
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Im Laufe der Zeit betätigten sich die Chinesen immer weniger als Zulieferer für die italienische Textilindustrie und produzierten immer mehr auf eigene Rechnung. Sie fingen an, kleine Familienbetriebe komplett zu übernehmen und leere Fabrikhallen zu kaufen, in denen sie ihre ei­ge­nen Produk­tions­stät­ten einrichteten. Inzwischen gehört ihnen ein Drittel der Textilunternehmen und sie produzieren Mode "Made in Italy" zu chinesischen Preisen, nicht selten illegal. Sie arbeiten zwar in Italien – aber zu chinesischen Bedingungen: Viele der Arbeiter wohnen in der Fabrik oder in Sam­mel­un­ter­künften unter ärm­lich­sten Bedingungen. Sie halten sich nicht an eine 40-Stun­den-Woche, sie genie­ßen kaum jene Arbeiterrechte, für die italienische Ge­werk­schaften jahrzehn­te­lang kämpften.
Wenn ein Gewerkschaftler allerdings in ein Atelier ginge und den chinesischen Arbeitern sagen würde: "Wir kommen, um euch von euren Ketten zu be­frei­en", bekäme er aber möglicherweise die Antwort: "Wovon sprichst du denn überhaupt?" Die Chi­nesen tun das gerne, sie ar­bei­ten für ihre Familie, sie arbeiten um Geld bei­seitezulegen, mit dem sie selbst eines Tages ein Un­ter­neh­men gründen und andere Arbeiter – also ihre eigenen Landsleute – aus­beu­ten würden. Aus der Sicht eines aufgeklärten Europäers sind diese Men­schen, die keine Papiere haben, ihre Arbeitsstätte nicht verlassen dürfen und für einen Stundenlohn von einem Euro arbeiten, nichts Anderes als Sklaven.
Das Hauptrezept des Erfolgs der inzwischen fast 5000 chinesischen Unterneh­men in Prato ist, dass sie selbst nicht mehr die Stoffe herstellen, wie es tradi­tio­nell die einheimischen Betriebe taten, sondern nur billige Kleider, mit denen sie ver­su­chen, die aktuellen Modetrends zu imitieren, keinesfalls, sie zu fäl­schen. Italienische Stilistinnen bringen den Geschmack und die Erfahrung mit Mode dazu. Produziert wird dann aber nicht mit den quali­ta­tiv hochwertigen, teuren Stoffen aus Prato, sondern mit billiger Import­wa­re aus China. So pro­du­zieren die Chinesen ihre eigene Mode, billige Kopien jener Kleider, die vor Kur­zem noch als Neuigkeit auf den Lauf­stegen von Mailand, Paris und London gezeigt wurden.
Pronta Moda nennt man den Sektor. Händler aus ganz Europa holen sich hier Ware, die ganz legal mit dem Etikett "Made in Italy" versehen werden kann. Sie landen dann auf den Wühltischen mittel- und nordeuropäischer Bil­ligkaufhäuser.
Längst werden die Chinesen mit ihrer Billigware als unlautere Konkurrenten empfunden, die zudem auch noch den Ruf der italienischen Mode mit schlecht gemachtem Italian Style ruinierten. Das wollen viele nicht mehr dulden, denn das Geheimnis des chinesischen Erfolgs sei die Sklaverei der eigenen Leute. Viele Prateser fürchten, dass ihre Stadt bald außer Kontrolle geraten könne, wenn man die Chinesen und ihre Firmen nicht in die Legalität zwinge.
Die Stadt könne von den Chinesen pro­fitieren, behaupten andere, aber noch herrscht großes gegenseitiges Misstrauen. Die Schuld an der Kri­se wird den Chinesen gegeben, dabei vernichten diese keine Arbeitsplätze, sie schaffen welche, sie kaufen Häuser, Autos, Lebensmittel. Und die Prateser vermieten ihnen zu hohen Preisen ihre heruntergekommenen Lager- und Fabrikhallen. Würden die Chinesen weg­zie­hen, stünde Prato noch schlechter da.
Integration findet kaum statt. Die Chinesen bleiben unter sich, sie haben ei­ge­ne Zeitungen und Fernsehprogramme und sprechen in der Mehrzahl kaum Italienisch. Sie akzeptierten unsere Regeln nicht, behauptet Pratos Bür­ger­meister. Sie lebten in einer Parallelwelt, die ganz auf Ausbeutung und Steuerhinterziehung basiert.
Die italienischen Behörden sind auch der Ansicht, dass die massive chine­si­sche Präsenz auch eine Zunahme der organisierten Kriminalität aus Ostasien zur Folge hatte. Drei Morde schreckten Prato in letzter Zeit auf. Daraufhin ließ die Finanzpolizei ein kriminelles Netz hochgehen, das mehrere Milliarden Euro (es sollen Erträge aus illegalen Textilfirmen sein) nach China transferiert haben soll.
Wenn auch viele Leute der Meinung sind, dass die chinesische Kriminalität im We­sentlichen nur ein Problem unter Chinesen ist, sind die Bandenkriminalität und die mafiösen Strukturen längst auch zu einem Problem für die öffentliche Ordnung geworden.
Kein Wunder also, dass die Lega Nord, die Anti-Immigranten-Partei, bei den Kommunalwahlen großen Zuwachs verzeichnet hat. Sie steht jetzt bereits bei 10%.
Was schlimm ist: Die Behörden haben bisher diese Zustände geduldet, weil die Betriebe der Wirtschaft viel Geld gebracht haben. Nach dem Tod von sie­ben Fabrikarbeitern im Dezember 2013 in einem Brand in einer illegalen Mas­sen­un­terkunft hat sich diese Einstellung geändert. Die polizeilichen Kontrollen haben zugenommen. Verstöße gegen Umwelt- und Bauvorschriften, sowie Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung werden stren­ger geahndet.
 

Prato

Prato ist eine Kleinstadt mitten in der Tos­kana mit ei­nem gut erhaltenen, nahezu intakten schönen histo­ri­schen Zen­trum, das von mit­tel­al­ter­li­chen Mau­ern umgeben ist. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hat die Stadt ihren Schwerpunkt im Bereich der Textil­produktion.
Foto von Giacomo Boschi (GNU-Lizent für freie Dokumentation
Das kaiserliche Kastell in Prato

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