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Omertà

"Cu è surdu, orbu e taci, campa cent'anni 'mpaci"
"Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden."
Omertà (starke Betonung auf das "à" der Endsilbe) bezeichnet im engeren Sinn die Schwei­ge­pflicht der Mitglieder der Mafia [] und ähn­li­cher kri­mi­nel­ler Or­ga­nisationen gegenüber Au­ßen­stehenden und ist Teil des Ehren­kodex der Or­ga­nisation. So steht es zumindest in Wikipedia (deutsch). Diese Er­klä­rung trifft meines Erachtens jedoch nicht den Kern des Begriffs.
Einige Sätze in Michela Murgias Roman "Accabadora" [], in denen es um die Einstellung der Menschen ge­gen­über den staatlichen Organen, insbesondere der Polizei und der Justiz geht, sind sehr auf­schluss­reich: «In Sorenì wurde das Wort 'Justiz' auf eine Stufe ge­stellt mit den schlimm­sten Ver­wün­schun­gen ... In der Vorstellung der Leute wurde man von der Justiz verfolgt, und wenn sie einen erwischte, dann wurde man ge­schlach­tet wie ein Schwein oder ge­kreu­zigt wie Jesus Christus ... Sie stöberte einen überall auf, wo man sich auch versteckte, und vergaß niemals jemandes Na­men oder den seiner Kinder.»
Die Tatsache, dass die Sizilianer viele Jahrhunderte lang ausschließlich frem­de Regierungen erdulden mussten, die nichts anderes im Sinn hatten, als sie auszubeuten und zu unterdrücken, führte im sizilianischen Volk zu einem in­stinktiven Misstrauen und einer tiefen Verachtung gegenüber der gesetzlichen Gewalt des Staates. Die zahlreichen, kaum erfolgreichen Aufstände gegen die Staatsgewalt vergrößerten nur die Kluft zwischen Regierenden und Regierten.
Diese Regierungen waren nicht nur gewalttätig, sie bedienten sich auch der Korruption. Die Korruption der Regierungen und ihrer Vertreter, gepaart mit der Ungerechtigkeit der Staatsgewalt während vieler Jahrhunderte führte dazu, dass Justiz und Autoritäten mit einem allgemeinen Schweigen kon­fron­tiert wurden, einem Schweigen, das im Laufe der Zeit im Volk als Tugend angesehen wurde. So kam es, dass die Grundsätze eines speziellen Kodex, das sich "Omertà" nannte, langsam, langsam in die Sitten eines ganzen Vol­kes eindrangen. Ein Kodex, der besagte, dass die erste Pflicht eines Mannes, dem Unrecht getan wurde, die ist, sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen. Ein Kodex, der jene bloßstellte und verachtete, die die staatliche Justiz in An­spruch nahmen und deren Ermittlungen und Handlungen unterstützten.
So glaubte schließlich auch der anständigste Mann aus dem Volk, gerecht zu handeln, wenn er einen Mörder von den staatlichen Organen rettete, und sich weigerte, gegen ihn auszusagen.
Eine irrige Auffassung ist, dass es die Mafia war, die die "Omertà" einführte. Tatsächlich gab es diesen Kodex lange vor dem Aufkommen der Mafia selbst. Historiker datieren es in das 16. Jahrhundert als eine Widerstandsmaßnahme gegen die Fremdherrschaft.
"Omertà" ist das "Gesetzt des Schweigens". Dieses gilt nicht nur für Mitglieder der Mafia. Es ist eine allgemeine Haltung gegenüber der Staatsgewalt, die auch von Nicht-Mafiosi eingenommen wird. Die "Omertà" wird (bzw. wurde) als gesellschaftlicher "Wert" gesehen. Sie impliziert "die grund­sätzliche Ver­weigerung mit den staatlichen Institutionen zu kooperieren, auch wenn man selbst Opfer eines Verbrechens gewesen ist." Selbst wenn jemand für ein Delikt verurteilt wird, dessen er nicht schuldig ist, wird von ihm erwartet, dass er die Strafe absitzt, ohne der Polizei die Informationen über den wirk­lichen Täter zu liefern. Das gilt selbst dann, wenn der Täter nichts mit der Mafia zu tun hat. Innerhalb der Mafia wird der Verstoß gegen die "Omertà" mit dem Tode geahndet. Vom psychlogischen Standpunkt ist dieses Schweigen gleich­zusetzen mit der Verteidigung der eigenen Familie, der eigenen Gruppe und deren Ehre. Jener, der diesem Gesetz gehorcht ist ein "uomo d'onore" (Ehrenmann).
So beinhaltet "Omertà" aus historischer Betrachtung letztlich zwei Aspekte:
1) Solidarität zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft oder einer so­zia­len Schicht, aufgrund derer man die Straftaten anderer Mitglieder deckt, um sich gemeinsam vor der (als Feind betrachteten) Staatsmacht zu schützen.
2) Gesetz der organisierten Kriminalität (und sozialer Brauch) in jenen Ge­gen­den, die von der Kriminalität beherrscht werden, der zum Schweigen über die Um­stän­de und die Ausführer von Straftaten zwingen.
Letztlich ist dieser zweite Aspekt eine zwangsläufige Folge des ersten, weil das Vakuum der staatlichen Autorität durch eine andere Organisation gefüllt werden musste.
Die Omertà als Kodex verliert in Sizilien und im italienischen Süden glück­li­cherweise zunehmend an Halt. Die heu­tige "Omertà" seitens der Be­völ­kerung ist mehr ein Schwei­gen aus Angst vor Vergeltung, das nicht so leicht auszu­merzen ist. So tut man den Menschen Unrecht, wenn man sie wegen dieses Schweigens der Komplizität mit Mafia, Camorra und 'Ndran­gheta beschuldigt.
Die Etymologie des Begriffs "Omertà" ist unklar. Einer Theorie nach stammt das Wort aus dem lateinischen humilitas (Demut, Bescheidenheit), das in Süditalien zu umirtà wurde. Einer anderen Auffassung nach stammt der Begriff von "omineità", der Eigenschaft, "omu" (Mann) zu sein, also ernst, stark, in der Lage für sich selbst zu sorgen. Dies entspräche der "virtus" in ihrem ürsprünglichen lateinischen Sinn.
Eine ganze Reihe von Sprichwörtern zum Thema "Schweigen" hat über Jahr­hunderte die "Omertà" beschrieben und gleichzeitig gefestigt.
"La tistimunianza è bona ’nsina chi nun noci a lu prossimu."
"Die Zeugenaussage ist gut, wenn sie dem Nächsten nicht schadet."
"La virità si dici a lu cunfissuri."
"Die Wahrheit sagt man dem Beichtvater."
"La vucca è traditura di lu cori."
"Der Mund ist der Verräter des Herzens."
"L’omu chi parra assai, nun dici nenti."
"Der Mann, der viel redet, sagt nichts."
 
 
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