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Vietato!

Unglaublich, was für fantasievolle oder gar absurde Einfälle manch ein Bür­ger­meister hatte, um - basierend auf einem Gesetz der Regierung Ber­lusconi des Jahres 2008 – "die Sicherheit und die öffentliche Ordnung" zu gewähr­leis­ten. Beispielsweise darf man in Lerici (Ligurien) nicht im Badeanzug auf die Straße gehen und in Pordenone (Friaul) sollte man am besten nicht öffentlich mit der Verlobten streiten.
Besonders viele neue Verbote gibt es in den Städten des Nordens, in denen
- welch für ein Zufall - die rechtspopulistische Lega Nord einen sehr star­ken Einfluss hat und zahlreiche Bürgermeister stellt.

Essen im Freien: Seit etwa zwei Jahren gilt das Essen auf der Straße in zahl­reichen Städten als Ordnungswidrigkeit, die mit saftigen Bußgeldern ge­ahn­det wird. Das Ver­bot gilt in Venedig, Rom, Florenz, Trapani und in vielen wei­teren Städten. In Genua ist es im historischen Zentrum verboten, alko­ho­li­sche Ge­tränke in der Flasche herum zu tragen. Sie dürfen nur in Taschen, also nicht sichtbar, transportiert werden. Wer sich nicht daran hält, muss mit einer Geldbuße von bis zu 500 Euro rechnen. Mit dieser Maßnahme will man das Trinken alkoholischer Getränke und deren Folgen in der Öffentlichkeit ver­hin­dern. In Venedig ist es unter anderem untersagt, auf der Straße zu pick­nicken. Genauer gesagt ist "Essen und Trinken im Sitzen auf der Piazza San Marco" (außerhalb der Betriebe) verboten, und nicht an­ders­wo. Es muss immer ein entsprechendes Schild dazu geben. Weil es sich um eine Verordnung der Gemeinde handelt, sind die "vigili" (Stadt­poli­zisten) be­mächtigt, Strafzettel auszustellen, was sie aber nicht unbedingt tun. Ermes­sungs­spiel­raum!. Wenn man an die Touristenmengen denkt, die den Markus­platz, die "gute Stube Venedigs", tagtäglich in einen "Abfalleimer" ver­wan­deln, kann man für diese Maßnahme durchaus Verständnis haben. Nur scha­de, dass es besonders Jugendliche trifft, die sich die überteuerten Restaurants der Stadt nicht leisten können.

Getränkedosen und -flaschen: In Triest hat Bürgermeister Roberto Co­so­li­ni eine Regelung eingeführt, laut der zwischen 23 und 5 Uhr Geschäfte, Cafés und andere Lokale in der Innenstadt keine Getränke in Flaschen und Dosen mehr verkaufen dürfen


Kein kaltes Bier mehr in Rimini: In Rimini ist eine Verordnung in Kraft getreten, nach der in den Supermärkten und den sogenannten "minimarkets", den kleinen Verkaufsständen, die es in Italien an jeder Straßenecke gibt, keine gekühlten alkoholischen Getränke mehr verkauft werden dürfen. Das soll die Excesse des lebhaften Treibens der jungen Leute in Feierlaune im öffentlichen Raum, das nicht selten in lauten Gelagen und Raufereien endet.


Kebab-Verbot: In Capriate (Lombardei) und Crespi d’Adda (Lombardei) be­schloss der Ge­mein­derat (in der Mehrheit Angehörige der Lega Nord), unter dem Vorwand, "den Charakter des historischen Zentrums zu bewahren", kei­ne Lizenzen mehr für den Verkauf von "Kebab oder ähnlichem" zu vergeben.

Burkini-Verbot: Das Verbot der Kebab-Stände betrifft zwar auch andere Fast-Food-Imbissstände, der Verdacht einer Kampagne gegen den Islam ist aber nicht ganz von der Hand zu wei­sen, wenn man weitere Maßnahmen wie bei­spielsweise das Verbot, Ganz­kör­per­ba­deanzüge (sogenannte Burkini) zu tragen, in Betracht zieht. Gianluca Buonanno, Bürgermeister von Varallo Sesia (Piemont), begründete das in öffentlichen Bädern, Flüssen und Seen geltende Verbot mit hygienischen Gründen und mit der Behauptung, dass das Burkini kleine Kinder beim Baden erschrecke (!). Der Verstoß kann mit 500 Euro Bußgeld geahndet werden.
Burkini
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Fastfood-Verbot: Der Gemeinderat der Stadt Venedig begründete das Verbot des Eröffnens neuer Fast-Food- und Kebab-Schnellimbisse (das für zwei Jahre gilt) damit, dass die bunten Farben dieser Lokale nicht verträglich seien mit dem Stil und der Architektur der Stadt. Zudem würden die Touristen mit den Verpack­un­gen von Pizzastücken und Hamburgern die Stadt ver­schmutz­en. Ein Ver­kaufs­ver­bot von Couscous und Kebab, aber ebenso von portionierter Pizza ist in Lucca (Toskana), dessen wunderschönes historisches Zentrum inmitten unver­sehr­ten Fes­tungsmauern liegt, auch längst in Kraft getreten.


Kleiderordnung: In Venedig ist es untersagt, mit entblößtem Oberkörper he­rum­zulaufen und sich auf öffentlichen Plätzen hin­zulegen. Um Verständnis für diese Maßnahmen zu haben, braucht man nur an den Sinn von Kleider­ord­nung im gesellschaftlichen Bereich zu denken. Früher war es beispiels­weise undenkbar, ohne Krawatte in die Oper zu gehen! Die Nichteinhaltung gefor­der­ter Kleiderordnung konnte dazu führen, dass Besucher von Ver­an­stal­tungen, Festen oder Konzerten nicht eingelassen wurden. Wenn man an die Touristenmengen denkt, die dem Markusplatz durch allzu saloppe Kleidung und unzivilisiertem Verhalten die Würde nehmen, kommt auch hier Ver­ständ­nis auf. Im Badeanzug oder mit bloßem Oberkörper darf man unter Anderem auch in Cattolica (Emilia Romagna), auf Capri und in Positano (Kampanien) nicht in der Stadt. In den letzteren zwei Orten ris­kiert man saftige Strafen, wenn man auf der Straße mit Holzlatschen herum­läuft - wegen des lauten Klapperns!


Auf den Stränden: In Eraclea (Venetien) ist es untersagt, Fußball auf dem Strand zu spielen, Löcher in den Sand zu buddeln, Sandburgen zu bauen (wenn dies auf jenem Fünfmeterstreifen geschieht, der für Rettungseinsätze frei bleiben muss) und Muscheln zu sammeln. Letzteres aus ökologischen (!) Gründen. Dass man das Handy leise stellen, Musik nur mit Kopfhörern hören und Zigarettenkippen nicht im Sand zurückzulassen soll, müsste ei­gent­lich selbstverständlich sein.
Auf dem Strand Is Aruttas auf Sardinien wird an den Tagen an denen dieser überbevölkert (?) ist, das Rauchen komplett verboten.
Auf dem Dante-Strand bei Ravenna gehen die Verbote noch weiter: Das Ver­teilen von Werbezetteln ist verboten, ebenso das Oben-ohne-Sonnen. In Forte dei Marmi (Tos­kana) hat der Bürgermeister an öffentlichen Stränden Mas­sa­gen untersagt. Und wehe, man isst ein Sandwich auf einem Strand in Positano oder auf Capri (Kampanien).
Achtung: Wenn man seinen Platz in der ersten Reihe auf dem Strand dadurch verteidigen will, dass man mit dem Hand­tuch oder dem Sonnenschirm sein Revier markiert, muss man mit Stra­fen rechnen wegen "nicht rechtmäßiger Nutzung des öf­fent­li­chen Raumes". Immer in Cattolica ist es nicht erlaubt, Tiere mit an den Strand zu nehmen, am Strand zu campen, Ball oder Boccia am Strand zu spielen und laute Musik zu hören. Dass Katzen und Hunde nicht un­be­dingt an den Strand gehören, das kann der Normalsterbliche immerhin noch nachvollziehen.
Immer im Namen von Anstand und gegen Ortsverschandelung darf man in Lerici (Ligurien) nicht im Badeanzug auf auf die Straße gehen oder die nassen Handtücher auf den Balkon hängen. In Brescia (Lombardei) drohen 100 Euro Bußgeld, wenn man sich auf einer Piazza auf die Stufen eines historischen Monuments setzt. Nebenbei bemerkt: An öffentlichen Sitzbänken mangelt es in Italienischen Städten gewaltig!

Tauben füttern: In Venedig und im toskanischen Lucca riskiert man bis zu 500 Euro Bußgeld, wenn man die Tauben füttert.

Frage nach dem Sinn: Marco Michielli, Präsident der Hoteliersverei­ni­gung Ve­netiens, fragt sich "wie man den Touristen alle diese Verbote bekannt ma­chen will, zumal sie von Ort zu Ort verschieden sind". Laut Michielli macht sich das ganze Ausland über Italien lustig, vor allem aber die Konkurrenz.

Ein Lichtblick: Nach all den Verboten, bei denen viele den Verdacht aufkom­men lassen, sie dienten vornehmlich dazu, die Kassen der Gemeinden auf­zu­füllen, endlich ein ohne Zweifel gutes Verbot: Seit dem 1. Januar 2011 ist in Italien der Verkauf von herkömmlichen biologisch nicht abbaubaren Plastik­tüten verboten. Wenn man bedenkt, dass die Italiener pro Jahr 25 Milliarden von den aus Erdöl erzeugten Tüten bisher verwendet haben, ist das die gute Nachricht des Jahr!
Auch das seit Mai 2012 geltende Verbot von Brustoperationen bei Minder­jäh­ri­gen kann nur begrüßt werden.
 

Liberalitas Italiae

Dem deutschen "Hinauslehnen ver­boten" steht in den italienischen Eisen­bahn­waggons noch immer der Hinweis entgegen "È pericoloso sporgersi" (es ist gefährlich, sich hinauszulehnen). Man hätte früher sagen können: "Verbieten"? Das sei typisch deutsch. Das tolerantere "Empfehlen" hingegen, typisch ita­lie­nisch. Doch inzwischen hat sich et­was geändert in der "lässigen", "to­le­ranten" Republik. Durch eine stei­gen­de Zahl von "örtlichen Anord­nun­gen" ist ein Berg von Verboten ent­standen, der manchmal an der Li­be­ralität Italiens starke Zwei­fel auf­kom­men lässt.
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Kulturschock Italien
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