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Lebendiges Latein in der italienischen Sprache

Es heißt immer, Latein sei eine tote Sprache, sie werde nicht mehr ver­wen­det und man brauche sie nur zum Studieren. Dabei ist uns gar nicht be­wusst, dass wir sehr viele lateinische Wörter Redewendungen und Bezeich­nun­gen im täglichen Leben verwenden. Es ist hier nicht die Rede von Wörtern mit lateinischen Wurzeln, sondern von lateinischen Phrasen, Sprichwörtern und Redewendungen, die unverändert in heutigen Sprachen verwendet wer­den. Beispielsweise das im Rechtswesen gebräuchliche „In dubio pro reo" oder das philosophische „a priori“.
Das gilt besonders für die italienische Sprache, in der – noch mehr als im Deut­schen – zahlreiche lateinische Wörter und Phrasen in der All­tags­sprache verwendet werden, ohne dass sich der Sprecher not­wen­di­ger­wei­se jedes Mal be­wusst ist, dass es sich um Latein handelt. Es soll betont werden, dass die meisten auf­gelisteten Beispiele in Italien im ganz nor­ma­len Sprach­ge­brauch sind und sich auch im Wortschatz durch­schnitt­lich gebildeter Men­schen finden.
Aussprache: Der Buchstabe h wurde in klassischer Zeit zumindest von den oberen Schichten und am Wortanfang noch etwa wie ein „deutsches h“ ausgesprochen; bei der Unterschicht war es zur Zeit Catulls (84–54 v. Chr.) bereits ver­stummt. Im heutigen Italien wird das „h“ ebenfalls nicht aus­ge­sprochen. Wie beim „h“ so auch bei den anderen Buchstaben: Es gilt die ita­lienische Aussprache. Beispielsweise wird „Dulcis in fun­do“ „dultschis in fun­do“ ausgesprochen und „qui pro quo“ nicht 'kwi pro kwo“, sondern „kuí pro kuó, usw.

Ad hoc Hierfür“ (speziell für einen Zweck oder spon­tan aus einer Situation heraus gemacht)
Ad libitum „Nach Belieben“. In der Musik steht die Be­zeich­nung für Freiheiten der Interpretation eines Werkes.
Alter ego






Il direttore è partito e ha lasciato qui il suo alter ego
.
Das andere ich„. Der Begriff wird u.a. ver­wen­det, wenn eine Person für die andere eine be­son­ders starke Identifikationsfigur und gewis­ser­ma­ßen zu einem Teil der eigenen Identität geworden ist. In der Psychologie kann er auch ein „zweites Ich“, eine „zweite Identität“ inner­halb ein und derselben Psyche bezeichnen.
Der Direktor ist weggefahren und hat sein Alter ego hiergelassen.
Aut aut
- Imporre un aut aut
„Entweder oder
- Eine Entscheidung erzwingen
Bis / fare il bis Zwei Mal“ / „wiederholen„. Wird u.a. ver­wen­det in der deutschen Bedeutung „Zugabe„.
Casus belli „Kriegsgrund“, „Kriegsauslöser" von „casus“ („Fall‘, hier im Sinne von Vorfall, Zwischenfall) und „bellum“ („Krieg“). Mit casus belli wird eine Handlung bezeichnet, die (in einer meist schon angespannten Situation) unmittelbar einen Krieg auslöst. Er beschreibt also nicht die Menge der Umstände, die zu einem Krieg führt, sondern meist nur den letzten, auslösenden Faktor.
Carpe diem Nutze den Tag!
Cui prodest? Wem nützt es?Seneca verwendete die Re­de­wen­dung in der Tragödie Medéa: „Qui prodest scèlus, is fecit (Der, dem die Tat dient, hat sie begangen).
Conditio sine qua non
- Conditio sine qua non per una carriera nella politica è ...
Bedingung, ohne die nicht
Unabdingbare Bedingung für eine Karriere in der Politik ist ...
Curriculum vitae Lebenslauf
De gustibus non est disputandum. „Über Geschmäcker kann man nicht streiten."
Divide et impera. Teile und herrsche.“ Diese Formulierung wird teilweise Niccolò Machiavelli zugeschrieben, der in seinem Buch „Der Fürst“ dem Fürsten Medici erklärt, wie er seine Herrschaft ausüben sollte.
Do ut des. Ich gebe, damit du gibst.“ Köstlich die Film­sze­ne mit dem berühmten Komiker Totò [], in der Unternehmer versuchen, einen Politiker zu bestechen, indem sie ihm Wählerstimmen als Gegenleistungen für die Vergabe von Auf­trags­erteilungen versprechen.
Dulcis in fundo Das Süße (Beste) zum Schluss
Errare humanum est. „Irren ist menschlich." Dieser Spruch ist ei­nes der am häufigsten verwendeten la­tei­ni­schen Sprichwörter. Der Spruch wur­de vom dal­ma­ti­nische Kirchenvater Hie­ro­ny­mus (4. Jahr­hun­dert a. D. ) geprägt.
Ex novo Von neuem“ / „von Anfang an
Ex voto „Votivgabe" (wörtlich „Aus einem Gelübde heraus“)
Furor teutonicus

„Teutonische (germanische) Angriffslust“. Der Begriff nimmt Bezug auf einen vermeintlich he­rausstechenden Charakterzug des ger­ma­ni­schen Volksstammes der Teutonen. Der Begriff wird seit dem Mittelalter als geflügeltes Wort für deutsche Aggression benutzt.

Gratis Gratis“ / „kostenlos
hic et nunc Hier und jetzt

horribile dictu

„Schrecklich zu sagen
In alto loco Im hohen Ort“ (in der „Kommandozentrale“)
In fieri Im Werden
In nuce Im Kern“ bedeutet „zusammengefasst" / „in knapper Form„.
In vino veritas Im Wein liegt die Wahrheit.“ Niemand kann effektiv lügen, wenn er betrunken ist.
Ipso facto deswegen“ / „genau aus diesem Grund
Lapsus (linguae) „Versprecher“. Lapsus linguae wird oft mit dem „freud'schen Versprecher“ gleichgesetzt.
Lupus in fabula Die Wendung „der Wolf im Märchen“ drückt das Erstaunen über das unerwartete Auf­tau­chen einer Person, über die man gerade ge­spro­chen hat, aus. Entspricht etwa der deut­schen Redewendung „Wenn man vom Teufel spricht ...“.
mens sana in corpore sano Gesunder Geist in einem gesunden Körper
modus vivendi


- Dopo numerosi litigi Gianni e Patrizia hanno trovato un modus vivendi.
Art zu leben„. Mit dem Begriff ist generell ei­ne (erträgliche) Übereinkunft, eine Ver­stän­digung gemeint.
- Nach häufigem Streiten haben Gianni und Patrizia eine Verständigung erreicht.
Mutatis mutandis Nach Änderung des zu Ändernden„. bedeutet etwa: „Nach Anpassung an die neuen Um­stän­de„.
Non plus ultra Nicht darüber hinaus“ (etwas, was nicht bes­ser sein könnte, als es ist)
O tempora o mores O (was für) Zeiten, o (was für) Sitten!“ ist ein lateinischer Ausspruch, der den Verfall der Sitten beklagt.
Pater familias Familienvater“ / „Familienoberhaupt
Pecunia non olet. Geld stinkt nicht.“ Die Redewendung geht zu­rück auf den römischen Kaiser Vespasian, der, um die leeren Staatskassen zu füllen, eine spezielle Steuer auf öffentliche Toiletten erhob. Die Redewendung hat sich bis heute gehalten, um den Besitz oder Erwerb von Geld aus un­sau­beren Einnahmequellen zu rechtfertigen.
Post scriptum Nach dem Schreiben“ (Nachschrift, Nachsatz)
Pro capite pro Kopf
Pro loco für den Ort„. So bezeichnet man meistens einen Verkehrsverein.
Qui pro quo



- Dovevamo incontrarci og­gi, ma c’è stato un qui pro quo sul luogo dell’ap­pun­tamento.
Wer für wen„. Der Ausdruck bezeichnet eine Verwechslung, meistens von Personen, bei­spielsweise als spannungsgebendes Element in einem Thea­ter­stück.
- Wir hätten uns heute treffen sollen, aber es gab ein Missverständnis bezüglich des Treff­punkts.
Quorum Die beschlussfähige Anzahl
Repetita iuvant. „Wiederholtes hilft“, etwa: „Doppelt gemoppelt hält besser."
Salve Bleib gesund!“ (Grußformel)
Sancta sanctorum Das Heilige der Heiligen“ - die heiligste Ecke eines Heiligtums. Im Christentum ist es der Tabernakel in der Kirche. Heute werden meist im übertragenen Sinne jene Bereiche gemeint, in der sich Entscheidungsträger (Finanz, Politik usw.) treffen.
Sine causa Ohne Ursache
Status quo Zustand, in dem“ (gegenwärtiger Zustand einer Sache)
Sua sponte Aus eigenem Antrieb
Sui generis „Seiner Art“ (einzigartig in seinen Cha­rak­te­ristika)
Tabula rasa
- Far „tabula rasa"
Unbeschriebene Tafel
- „Reinen tisch machen
Una tantum „Einmalig". Diesen Begriff verwendet man in Italien hauptsächlich für eine „einmalige Steu­er­zahlung„. Faktisch missbrauchen Politiker diesen Begriff, indem sie der Redewendung die Bedeutung „immer wieder“, „ab und zu“ geben.
Vade retro satana! „Geh zurück, Satan!“ – Führe mich nicht in Versuchung!
Vox populi vox dei Volkes Stimme (ist) Gottes Stimme“ bedeutet im übertragenen Sinne „Die öffentliche Mei­nung hat großes Gewicht.

Es gibt einen Begriff, der in diesem Zusammenhang unbedingt erwähnt wer­den muss: Latinorum!
Eingeführt wurde er von Alessandro Manzoni, einem der bedeu­tends­ten Schriftsteller Italiens, in seinem Roman „Die Brautleute“ []. Dieser ist das erste Beispiel des modernen italienischen Romans und gilt nach Dan­tesGöttlicher Komödie“ [] als das bedeutendste Werk der klassischen ita­lie­nischen Literatur.
Im zweiten Kapitel dieses Romans ist der Pfarrer Don Abbondio zu feige, um Renzo den wahren Grund für seine Weigerung, ihn mit Lucia zu ver­hei­raten, zu verraten, dass er nämlich von den Schergen des Lehnsherrn Don Rodrigo eingeschüchtert wurde. Er leiert deshalb Renzo in einer un­verständlichen lateinischen Sprache eine Reihe von Ehehinderungsgründen herunter.
Don Abbondio begann, an den Fingern abzählend:
„Error, conditio, votum, cognatio, crimen, Cultus disparitas, vis, ordo, ligamen, bonestas, Si sis affinis..."

„Machen Sie sich einen Spaß mit mir, Herr Pfarrer?" unterbrach ihn Renzo. „Was soll ich mit Ihrem latinorum da anfangen?«

Heute steht dieses Wort für eine mit Absicht unverständliche, wich­tig­tue­ri­sche Sprache, die dazu dienen soll, die Zuhörer zu beeindrucken und zu blenden. Eine Sprache, die besonders in den Medien immer mehr um sich greift, be­son­ders seitens der Politiker.

Ein lateinischer Begriff, der in letzter Zeit eine enorme Verbreitung erreicht hat, ist „in primis“, was etwa mit „in erster Linie“ oder „zuerst“ übersetzt werden kann. Es gibt kaum noch jemanden, der sich nicht mit diesem Begriff schmückt, statt die italienischen Be­griffe „in primo luogo“, „per prima cosa“ oder „prima di tutto“ zu verwenden.
Si tratta, in primis, di un atto po­li­tico complesso e, soprattutto, della massima espressione della politica estera della UE. Es handelt sich ist in erster Linie um einen komplexen politischen Akt und vor allem wesentlicher Ausdruck der Außenpolitik der EU.
Ein weiterer Begriff, der noch nicht sehr lange im Alltagsitalienisch verwendet wird, ist „par condicio“, was etwa mit „gleichen Bedingungen“ oder „Fair­ness“ übersetzt werden kann. Am Ur­sprung des Begriffs stand ein Gesetz aus dem Jahr 2000, welches die so genannte "par condicio" festlegte, die Chan­cen­gleich­heit für die politischen Subjekte beim Zugang zu den Me­dien. Der Begriff wird inzwischen als Synonym für Gleichbehandlung in allen möglichen Kontexten verwendet, beispielsweise wenn es um die Homo-Ehe geht.

Latino maccheronico (Pseudolatein) ist eine spöttische Bezeichnung für fehlerhaftes Latein, was absichtliche Lateinimitationen einschließt.
Der folgende Satz ist eine Mischung aus Italienisch, Latein und Pseudolatein: „Nutella piacet omnibus pueris atque puellae sed, si troppa nutella fagocitare, cicciones divenire.“ (Nutella schmeckt allen Buben und Mädchen, aber wenn sie zu viel Nutella essen, werden sie dick.)


 
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