Wir haben
alle seine Lieder heiß geliebt. In ihnen konnten wir unsere
Liebesträume wieder finden, unser soziales Gewissen gestärkt
sehen, schmunzeln, lachen, oder einfach nur die wunderbare
Musik genießen.
Fabrizio de André (* 18.
Februar 1940 in Genua; 11. Januar 1999 in Mailand)
war einer der bekanntesten italienischen Cantautori (Liedermacher und Sänger). Einundzwanzig Jahre nach seinem Tod ist sein Mythos ungebrochen. Eine ganze Stadt, Genua, identifiziert sich mit ihm und seinen Liedern und feiert ihn mit Fernsehsendungen, Konzerten und Ausstellungen. Die Buchhandlungen sind voll mit Büchern über ihn, seine Musik und seine Zeit.
Er war der erfolgreichste
Chansonnier einer Stadt, die sich rühmen kann, eine ganze
Musikströmung hervorgebracht zu haben: die Genueser Schule.
Es sind italienische Legenden wie Umberto Bindi, Luigi Tenco,
Gino Paoli und eben Fabrizio de André. Ihre Lieder haben sich
mit Chansons wie „Sapore di sale" (der Geschmack
von Salz) von Gino Paoli, „Un giorno dopo l'altro"
(Ein Tag nach dem anderen) von Luigi Tenco oder „Via del
Campo" von de André in die Herzen der Italiener
gebrannt. Musik war der Exportschlager Genuas.
De Andrés Genua
Schon zu Lebzeiten war Fabrizio
de André ein kultisch verehrter Poet, der mit dem Lied Via del Campo nicht nur diese Straße, sondern auch
ein Lebensgefühl unsterblich machte: jenes einer Stadt
der Huren, der Seemänner, des rattenverseuchten Labyrinths
mit Blick auf das Meer. de André besang nicht das Genua der Dogen, der Welteneroberer, nicht das Genua der Palazzi der
Via Garibaldi. De André besang die Poesie der Pflastersteine.
Während seiner Karriere,
die von 1958 bis 1998 dauerte, wurde de André, von seinen
Freunden Faber genannt, durch die hohe literarische Qualität
seiner Texte und die meisterhafte Interpretation zu einem der
beliebtesten Sänger nicht nur in seiner Heimatstadt Genua sondern in ganz Italien.
De André begann unter
dem Einfluss von Georges Brassens, dessen Lieder er auch ins
Italienische übersetzte. Mitte der Sechziger Jahre wurde
er mit La canzone di Marinella landesweit bekannt. Er begleitete
sich auf der Gitarre und war vor allem von Bob Dylan und Leonard
Cohen beeinflusst. Er sang Liebeslieder, behandelte in seinen
Texten aber auch soziale Probleme und den Krieg, so in seiner
bekanntesten Ballade La guerra di Piero.
Sein Meisterwerk
ist das im Jahr 1984 veröffentlichte „Creuza de mä"
ein meisterhaftes Album mit Liedern im genuesischen Dialekt seiner Heimatstadt. Musikalisch führte er dabei Traditionen
aus dem gesamten Mittelmeerraum zusammen.
La Canzone di Marinellaund die anderen Klassiker
In direzione ostinata e contraria
Creuza de Ma
Fabrizio de André
starb 1999 an Lungenkrebs. Die ganze Stadt trauerte. Mehr als 10.000 Menschen nahmen an
seinem Begräbnis teil.
Sie nannten sie Rosenmund
Sie stellte die Liebe, sie stellte die Liebe
Sie nannten sie Rosenmund
Sie stellte die Liebe über alles.
Kaum war sie am Bahnhof
ausgestiegen
Im kleinen Dorf von Sant Ilario
Merkten es alle beim ersten Blick
Sie war mitnichten eine Missionar.
Manchen lieben aus Langeweile
Andre wählen die Liebe zu ihrem Beruf
Sie tat weder das eine noch das andere
Sie tat es einzig aus Leidenschaft.
Aber die Leidenschaft führt
oft dazu
Den eigenen Liebesdurst zu stillen
Ohne zu erforschen, ob der Partner
Frei im Herz ist oder in einer Ehe.
Und so geschah von einem
Tag zum anderen
Dass Rosenmund die unheilvolle Wut
Jener Hündinnen auf sich lenkte
Denen sie den Knochen entrissen hatte.
Aber die Weiber eines kleinen Dorfes
Strotzen keinesfalls vor Tatkraft
Die Gegenmaßnahmen bis zu dem Zeitpunkt
Hatten sich beschränkt auf wüstes Schimpfen.
Man weiß, dass
die Leute gern Ratschläge geben
Indem sie sich fühlen wie Jesus im Tempel
Man weiß, dass die Leute gern Ratschläge geben
wenn sie kein schlechtes Beispiel mehr geben können.
Bald eine nie Ehefrau
gewesene Alte
Ohne je Kinder, ohne mehr Verlangen
Nahm sich die Mühe und auch das Vergnügen
Allen den richtigen Rat zu geben.
Und gewandt an die Gehörnten
Belehrte sie diese mit scharfen Worten
„Der Liebesdiebstahl soll bestraft werden
Sagte sie, von den Behörden“.
Und sie gingen zum Kommissar
Und sprachen zu ihm ganz ohne Umschreibung:
Dieses Luder hat schon zu viele Kunden
Mehr als ein Lebensmittelladen.
Und es kamen vier Gendarmen
Mit dem Federbusch, mit dem Federbusch
Und es kamen vier Gendarmen
Mit dem Federbusch und den Waffen.
Es geschieht öfters,
dass Carabinieri
Ihre Pflicht nicht ganz erfüllen
Aber nicht wenn sie sind in hoher Uniform
Und so eskortierten sie zum nächsten Zug.
Zum Bahnhof kamen sie
wirklich alle
Vom Kommissar bis zum Kirchendiener
Zum Bahnhof kamen sie wirklich alle
Mit roten Augen und dem Hut in der Hand.
Um zu verabschieden,
die für eine Weile
Ohne Ansprüche, ohne Ansprüche
Um zu verabschieden, die für eine Weile
Ins Dorf gebracht hatte die Liebe.
Es gab ein gelbes Schild
Mit einer schwarzer Schrift
Drauf hieß es: Lebwohl Rosenmund
Mit dir verabschiedet sich der Frühling.
Aber eine außergewöhnliche
Nachricht
Benötigt überhaupt keine Zeitung
So wie ein Pfeil aus dem Bogen schießt
Eilt sie schnell von Mund zu Mund.
Und gleich am nächsten
Bahnhof
Gab's viel mehr Leute als bei ihrer Abfahrt
Einer schickt einen Kuss, einer wirft eine Blume
Einer meldet sich an für ein paar Stunden.
Selbst der Pfarrer, der
nicht verachtet
Zwischen Miserere und letzten Ölung
Den flüchtige Wert von großer Schönheit
Wollte sie neben sich bei der Prozession.
Und mit der Jungfrau
in der ersten Reihe
Und Rosenmund nicht weit entfernt
Trägt man spazieren durchs ganze Dorf
Die heilige und die weltliche Liebe.
VIA DEL CAMPO
In Via del Campo steht
eine Hübsche
die Augen blätterfarben und groß
die ganze Nacht steht sie auf der Schwelle
und verkauft allen die selbe Rose.
In Via del Campo steht
ein junges Mädchen
die Lippen sind frisch wie der Tau
die Augen sind so grau wie die Straße
es wachsen Blumen wohin sie geht.
In Via del Campo steht
eine Hure
die Augen blätterfarben und groß
wenn du Lust bekommst auf ihre Liebe
brauchst du sie nur an der Hand zu nehmen.
und dir scheint, du gingst
weit und weiter
sie schaut dich mit einem Lächeln an
du glaubtest nicht, dass das Paradies
könnte sein dort im ersten Stock.
In die Via del Campo
geht ein Enttäuschter,
um sie um ihre Hand zu flehen
um sie die Treppe hochsteigen zu sehen
bis die Fenster geschlossen sind.
Liebe und lache, wenn
Liebe dir antwortet
weine laut, wenn sie dich nicht erhört
aus Diamanten kann nie etwas wachsen
aus dem Mist sprießen Blumen hervor
aus Diamanten kann nie etwas wachsen
aus dem Mist sprießen Blumen hervor.
DFAS LIED VON MARINELLA
Diese ist die wahre Geschichte
von Marinella
die im Frühling in den Fluss glitt
aber der Wind, der sie so schön liegen sah
trug sie vom Fluss auf einen Stern
Allein, ohne Erinnerung
an einen Schmerz
ohne von einer Liebe zu träumen lebtest du dahin
aber ein König ohne Krone und Geleit
klopfte dann eines Tages drei mal bei dir an
Weiß wie der Mond
sein Hut
wie die Liebe rot sein Mantel
du folgtest ihm ganz ohne Grund
wie ein Junge seinem Drachen folgt
Und es schien die Sonne
und du hattest schöne Augen
er küsste dir die Lippen und die Haare
der Mond schien und du hattest müde Augen
er legte seine Hände um deine Hüften
Es gab Küsse, es
gab Lächeln
dann gab es nur Kornblumen
die mit den Augen der Sterne
im Wind und unter Küssen deine Haut beben sahen
Man sagt, dass du dann,
während du heimkehrtest,
in den Fluss glittest, wer weiß, wie's war
und er - der nicht glauben wollte, dass du tot bist -
klopfte noch hundert Jahre an deine Tür
Dies ist dein Lied, Marinella
die du auf einem Stern zum Himmel flogst
und wie alle schönsten Dinge
hast du nur einen Tag gelebt, wie die Rosen
und wie alle schönsten Dinge
hast du nur einen Tag gelebt, wie die Rosen
Im Herzen der Altstadt von Genua befindet sich die Hausnummer 29rosso (29 rot) von Via del Campo, der Straße, welcher Fabrizio De André ein Lied widmete. Dort befand sich bis 2010 das Geschäft „Musica Gianni Tassio“, das seit seinem Tod am 11. Januar 1999 eine Gedenkstätte für seine Fans wurde.
Über Fabrizio der André gibt es ein vor Kurzem herausgegebenes interessantes Buch in deutscher Sprache von Alessandro Bellardita, Richter, Hochschuldozent und freier Journalist in Karlsruhe. Dieses Buch soll eine Einführung in die facettenreiche Gedankenwelt und das Leben des Cantautore aus Genua sein. Insbesondere setzt sich der Autor mit dem individuellen Freiheitsbegriff de Andrés auseinander und bietet zahlreiche Anekdoten rund um das Leben des Genueser Liedermachers.