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Sardinien: Volksmusik und Volkstanz

Volksmusik und Volksgesang sind seit eh und je Ausdruck der Kultur der ein­fachen Bevölkerungsschichten, von denen die Gefühle, die Wünsche und die Kämpfe bezeugt werden. In Sardinien sind sie vorwiegend in der Kultur der Bauern und Hirten verankert. Bis in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war die tradi­tio­nel­le Musik noch die am weitesten verbreitete Musikform auf der Insel und zugleich auch die beliebteste, denn sie hatte so­wohl die Funktion der Unterhaltung als auch die der mündlichen Übermitt­lung der Geschichte und der Traditionen des sardischen Volkes.
Das Aufkommen neuer Musikstile, insbesondere der modernen Schlager- und Popmusik stellte, wie es auch anderswo in Europa der Fall gewesen war, die traditionelle Musik zunächst infrage, bevor sich diese in den letzten zwanzig Jahren wieder als Bekenntnis zu den eigenen Wurzeln einen Platz erkämpfte. So griffen sardische Musiker wieder die Tradition auf und experimentierten gleichzeitig damit, die traditionelle Musik als Basis für modernere Musik­rich­tun­gen zu benutzen.
Sardinien: die "tanzende" Insel
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Heutzutage gibt es auf Sardinien ein wiedererwachtes, starkes Interesse an der tra­di­tionellen Musik und für den Besucher immer mehr Gelegenheiten, die alten Pfade der Musik wiederzuentdecken. Es gibt praktisch kein einziges Fest mehr – und es sind im Jahresverlauf viele! –, an dem traditionelle Tänze und Gesänge nicht im Programm stehen.
In der traditionellen musikalischen Ausdrucksweise der Sarden spielt der Ge­sang immer die Hauptrolle, während die Melodie im Wesentlichen die Auf­gabe hatte, dem Gesang eine Struktur und einem Rhythmus zu geben.
Die bekannteste der musikalischen Ausdrucksformen Sardiniens ist der so­ge­nannte "canto a tenore", ein archaischer, vielstimmiger Gesang, der der Aus­druck jener Hirten- und Bauernwelt ist, in der das sardische Volk seine Wurzeln hat. Diese Musikform wurde sogar von der UNESCO unter die schützens­werten "Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit" auf­genommen. Wegen der außergewöhnlichen Bedeutung des Canto a tenore habe ich ihm ein gesondertes Kapitel gewidmet [].

Will man eine Übersicht über die zahlreichen Musikinstrumente Sardiniens er­hal­ten, sollte man sich in die kleinen Ortschaft Tasdasuni, am Ufer des Omo­deo-Sees, begeben, wo es ein sehenswertes Museum für traditionelle sar­di­sche Musikinstrumente gibt. Von rein his­torischer Bedeutung ist das Trim­panu, das so hohe Töne erzeugt, dass sie von Men­schen kaum wahr­ge­nom­men werden, während sie Hunden und Pfer­den gut hören können. Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts benutzten flüch­ti­ge Ban­di­ten in der Macchia dieses Instrument, um sich gegen Truppen berittener Carabinieri zu wehren, deren Pferde man mit dem Trimpanu zum scheuen brachte.
Organetto sardo (Diatonische Zieharmonika)
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Die Vielstimmigkeit in der sardischen Musik, die im "canto a tenore" ihren Hö­he­punkt erreicht, kommt auch bei den beiden wichtigsten Instrumenten Sar­di­niens zum Tragen: dem organetto sardo und den Launeddas. Das "or­ga­netto" ist eine kleine diatonische Harmonika, auf der man gleichzeitig die Me­lo­die und die Begleitung spielen kann. Dieses typische Hand­zug­in­stru­ment wird besonders in Zentralsardinien häufig gespielt.
Die Trommler von Gavoi, die Tumbarinos, sind eine über die Grenzen des Landes bekannte Grup­pe von Musikern, die, mit unterschiedlichen Trom­meln ver­sehen, bei Dorffesten durch die Straßen gehen und aufputschende Rhythmen erzeugen, die das Tanzen von Volkstänzen begleitenden und den Festen Höhepunkte verleihen . Rhythmus ist das dominierende Element der Musik Zentralsardiniens. Er wird durch das Schlagen der Trommeln, das laute Rezi­tieren von bedeutungslosen Silben oder mittels dem wilden Schlagen von Kuhglocken erzeugt. Im Süden und an den Küsten der Insel fehlt dieses rhythmische Element weitgehend.
Tumbarinos aus Gavoi
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Das Musikinstrument, aber, das zum Symbol für die gesamte sardische Musik geworden ist, ist ein ein Blasinstrument. Die launeddas sind ein tra­di­tio­nelles Blasinstrument mit Ein­fach­rohrblatt, das seit fast 3000 Jahren auf Sar­dinien in Gebrauch ist. Launeddas bestehen aus zwei kürzeren Melodierohren (mancosedda und mancosa manna) und einer längeren dritten Bordunpfeife ohne Grifflöcher (tumbu). Die Rohre und Rohrblätter werden aus Pfahlrohr (einer Schilfart) angefertigt. Die beiden Me­lo­diepfeifen werden üblicherweise zweistimmig polyphon gespielt. Tra­di­tio­nell werden sie mit Permanentatmung gespielt, einer Blastechnik, die einen kon­ti­nu­ierlichen Luftstrom aus dem Mund auch während des Einatmens er­mög­licht.
Die Launeddas werden bei den sozialen Anlässen des bäuerlichen und kirch­lichen Lebens gespielt, insbesondere zur Begleitung von Umzügen und sar­di­schen Tänzen.
Luigi Lai spielt die "Launeddas"
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Die Musikgruppe Cordas e Cannas (Saiten und Röhre) wurde besonders durch ihren interessanten Versuch bekannt, die traditionelle sardische Musik mit zeit­ge­nös­si­schen Klängen zu verschmelzen.
Cordas e Cannas
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Der traditionelle sardische Tanz, der ballo sardo (ballu sardu) wird auch heu­te noch in Sar­dinien getanzt. Diese Tradition wird von Generation zu Ge­ne­ra­tion über­lie­fert und ist auch heute noch eine der reichsten und inte­res­san­tes­ten in Italien und im ganzen Mittelmeerraum. Am meisten verbreitet sind der ballu Tun­du (Kreistanz), a passu (Im Schritt), ballu seriu (Ernster Tanz), und andere Tänze auch, je nach Gegend.
In Sardinien werden die Tänze gewöhnlich im Kreis getanzt und haben eine geschlossene Struktur, es gibt also eine enge Zusammenwirkung zwischen Musikern und Tänzern, sowohl unter dem rhythmischen als auch unter dem melodischen Aspekt. Die verwendeten Begleitinstrumente sind die be­reits beschriebenen Organetto, die Launeddas und verschiedene Flö­tenarten.
Su ballu 'e tju Nanneddu
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Wer den sardischen Tanz zum ersten Mal sieht, könnte zur Auffassung kom­men, dass es sich um ein immer gleiches Gehopse handele, das dem hyp­no­tischen Rhythmus einer variantenarmen Musik folgt. In Wahrheit handelt es sich um eine Reihenfolge auch sehr komplexer Tanzschritte und Figuren, die den Tänzern beachtliche Geschicklichkeit abverlangen und auch sehr an­stren­gend sein können, da die Tänze selten weniger als zehn Minuten dauern. De ballu sardu ist noch nicht zur Touristenattraktion degradiert, es ist immer noch ein gesellschaftlicher Ritus, der ausgeführt wird, um die Gemeinde zu­sammenzuhalten.

Auf dem folgenden Video werden, neben wunderbaren Bildern von sardischen Landschaften, auch zahlreiche "murales" (Wandmalereien) gezeigt, eine "Se­henswürdigkeit", die sich seit den 1960er Jahren in Zentralsardinien wie ein Lauffeuer breitgemacht hat.
Sardinien, mein Land (in Musik und Bildern)
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Das erste dieser Wandmalereien wurde 1968 von der anar­chis­tischen Mai­län­der Gruppe Dioniso in Orgosolo gezeichnet und wurde vom Film Banditi a Orgosolo inspiriert.
 

Sardinien

Sardinien (Sardegna) ist mit seiner Fläche von 24090 km² nach Sizilien die zweitgrößte Insel im Mittelmeer. Mit rund 1,7 Millionen Einwohnern ist Sardinien aber wesentlich dünner besiedelt als Sizilien (5 Millionen Ein­wohner). Sardiniens Küstenlänge von fast 2000 Kilometern beherbergt, einzelartig in Europa, noch zahllose unberührte Strände. Nirgendwo ist das Meer so intensiv blau und das Wasser so klar wie hier.

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